Verwüstung am Graben: Skulptur von Monica Bonvicini in Wien

Wien (APA) - Ruinen am Wiener Graben: Zwischen den herausgeputzten historischen Fassaden der Prachtmeile, schieben sich derzeit dystopische ...

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Wien (APA) - Ruinen am Wiener Graben: Zwischen den herausgeputzten historischen Fassaden der Prachtmeile, schieben sich derzeit dystopische Schwarz-Weiß-Bilder ins Blickfeld der Passanten. Grund ist eine temporäre Skulptur von Monica Bonvicini, die nahe dem Cafe Meinl als riesige Werbetafel errichtet wurde. Darauf zu sehen sind von Naturkatastrophen zerstörte Gebäude - als Kommentar auf die Gegenwart.

„Diese Arbeit habe ich tatsächlich für diese Straße gebaut und konzipiert. Zu sehen ist ein Billboard, wie man sie normalerweise eher am Rand von Autobahnen oder bei Flughäfen sieht. In meinem Fall ist aber keine Werbung, auch keine Sprache, darauf, sondern man sieht zwei Schwarz-Weiß-Bilder“, erklärte die bildende Künstlerin am Mittwochnachmittag im APA-Gespräch, als der Aufbau der Arbeit - sie wird am Donnerstag offiziell eröffnet - gerade ins Finale ging.

Die an amerikanische Ästhetik angelehnte, zweiseitige Werbetafel ist sieben Meter hoch. Oben angebracht sind zwei Bilder von Bonvicini - je drei mal 4,5 Meter groß. „Auf dem einen Bild sieht man ein brennendes Einfamilienhaus infolge eines Flächenbrands („Wildfire Kern 2010“), auf dem anderen eine Gebäuderuine nach einem Hurrikan („Ivan 2004“)“, erklärte die gebürtige Venezianerin, die in Berlin lebt und arbeitet. Die düsteren Sujets - eine Mischung aus Zeichnung und Gemälde - sind weniger fotorealistisch als eher abstrakt. „Es sind zwei Zeichnungen aus einer Serie, die ich schon seit über zehn Jahren mache, über Architekturen, die aufgrund von Naturkatastrophen kaputt und zerstört sind“, so Bonvicini. Die Vorlagen stammten aus Abbildungen in Zeitungen. „Ich verwende aber keine Fotos von Ereignissen, wo Menschen gestorben sind. Es geht mir nicht um diese Art der Beschäftigung mit Katastrophe.“

Bonvicini, die u.a. bereits mit dem Goldenen Löwen der Biennale von Venedig ausgezeichnet wurde, hat bereits eine Reihe von Werken im öffentlichen Raum gezeigt. Dabei arbeitete sie mitunter mit übergroßen Lettern. Für die Skulptur am Graben hat sie vollständig auf Schriftzeichen verzichtet: „Ich habe mich gegen die Anwendung von Sprache entschieden, weil wir uns hier am Graben befinden und überall Logos und Firmennamen zu lesen sind. Wenn wir jetzt in der Wüste wären, wäre es vielleicht interessant, mit der Sprache zu arbeiten, aber nicht hier.“

Der scharfe Gegensatz zwischen glänzender Prachtstraße und gezeichneter Weltuntergangsstimmung ist bewusst gesetzt. „Ich wollte hier etwas hinstellen, das einen Kontrast zur schönen Architektur in Wien bildet. Deswegen die großen Schwarz-Weiß-Bilder, die man nicht unbedingt mit Wien verbindet. Ich denke auch, dass so ein Bild vielleicht stärker einen Moment der Stille oder ein Fragezeichen hervorruft als jedes Wort, das ich da hätte schreiben können“, meint die Künstlerin.

Ihr Werk sieht sie durchaus als (umwelt-)politischen Kommentar zur Gegenwart: „Wir leben in verrückten Zeiten - gerade wenn man an die Waldbrände in diesem Sommer überall in Europa denkt. Das kann man durchaus mit dem vergleichen, was gerade politisch passiert - mit den jüngsten Vorfällen in Deutschland, der verrückten politischen Situation in Italien oder der ja auch nicht allzu mutmachenden Lage in Österreich.“ Mit dem Finger zeigen wolle sie mit ihrer Kunst aber nicht, versichert Bonvicini.

„All Day Night Smoke“ - ein Projekt im Zuge der Reihe „Kunstplatz Graben“ von KÖR (Kunst im öffentlichen Raum) - ist bis 4. November zu sehen. Damit ist erstmals seit 2003 wieder eine Arbeit Bonvicinis in der Bundeshauptstadt zu sehen - wo sie zwischen 2003 und 2018 als Professorin für Performative Kunst und Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste unterrichtet hatte.


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