Sarrazin mit neuem Islam-Buch: Thesen für Experten nicht haltbar

Der umstrittene Autor Thilo Sarrazin stellt in einem neuen Buch Thesen über Islam und Zuwanderung auf. Ein Experte erklärt, warum diese nicht haltbar sind. Die Jungen Sozialisten fordern indes erneut den Parteiausschluss Sarrazins.

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"Feindliche Übernahme" lautet der Titel des neuen Sarrazin-Werkes. Ein Islamwissenschafter wirft Sarrazin vor, Angst schüren zu wollen.
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Berlin – Der deutsche Bestsellerautor Thilo Sarrazin malt in seinem neuen Islam-Buch das Schreckgespenst einer Islamisierungen der deutschen Gesellschaft an die Wand. Am Donnerstag stellt Sarrazin sein neues Werk vor.

Der ehemalige SPD-Politiker und Mitglied des Vorstandes der Deutschen Bank zog mit Büchern wie „Deutschland schafft sich ab“ Kritik auf sich. Gegen den 73-Jährigen war auch ein Parteiausschluss-Verfahren eingeleitet worden. Nun könnte ein neuer Anlauf unternommen werden.

Kernthesen für Islamwissenschafter nicht haltbar

Islamwissenschaftler Mathias Rohe hält die Kernthese des neuen Buches von Sarrazin von „Feindliche Übernahme, Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ für nicht haltbar.

Sarrazin gehe in seinem Buch, das an diesem Donnerstag erscheint, fälschlicherweise davon aus, dass muslimische Zuwanderer ihre Einstellungen nicht veränderten, „dass sie sich gar nicht auf die deutsche Gesellschaft einlassen“, sagte Rohe der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Eine breit angelegte Untersuchung habe jedoch beispielsweise ergeben, dass die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften unter Türken in der Türkei höher sei als unter türkischstämmigen Migranten in Deutschland. Auch ignoriere Sarrazin in seinen Prognosen zum künftigen Anteil der Muslime an der Bevölkerung Daten, die zeigten, dass die Geburtenrate muslimischer Zuwanderer durch Zugang zum Bildungssystem in den Folgegenerationen sinke.

„Machokultur“ nicht unbedingt mit Religion erklärbar

Nicht nachvollziehbar findet Rohe folgende Aussage Sarrazins: „Vieles deutet darauf hin, dass im Islam eine Tendenz zum Beleidigtsein und zum Sich-angegriffen-Fühlen angelegt ist, die mit unseren Begriffen von Meinungsfreiheit und Demokratie schwer vereinbar ist.“ Kritikwürdige Verhaltensweisen wie ein falsche Ehrbegriff und Elemente einer „Machokultur“ würden hier auf die Religion zurückgeführt. Dabei finde man diese teilweise auch bei Nicht-Muslimen in Indien oder Russland.

Sarrazin spannt in seinem Buch einen Bogen vom islamischen Propheten Mohammed bis hin zum Anführer der Terrormiliz IS (Daesh), Abu Bakr al-Baghdadi. Er schreibt: „Den vom IS ausgeübten Terror sehen er (al-Baghdadi) und seine Anhänger als den neuen Jihad. Historisch und religionsphilosophisch schließt sich hier ein Kreis.“ Aus Sicht von Rohe übernimmt Sarrazin damit die Koran-Auslegung der Terroristen. Der Islamwissenschaftler kommentierte nicht ohne Ironie: „Herr Sarrazin wäre eine wunderbare Besetzung für‘s Kuratorium des Salafisten-Verbandes.“

Angstmache als Verkaufsschlager

Das Buch sei auf „Angstmache“ angelegt, erklärte der Rechts- und Islamwissenschaftler von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Die Einschätzungen zum Islam zeugten von einem für Sarrazin üblichen „Dilettantismus“. Sarrazin wirft Rohe in seinem Buch seinerseits vor, er verschleiere und verharmlose „Missstände im deutschen Islam“.

Rohe hat unter anderem zum islamischen Recht („Scharia“) und zur Paralleljustiz unter muslimischen Migranten geforscht. Er berät als Experte den deutschen Verfassungsschutz.

Wird Sarrazin nun doch aus SPD geworfen?

Der deutsche Juso-Chef Kevin Kühnert forderte indes ein neues Parteiausschlussverfahren gegen den umstrittenen Publizisten. „Die Jusos sind klar für einen neuen Versuch, Sarrazin rauszuwerfen“, sagte Kühnert der Rhein-Neckar-Zeitung von Donnerstag.

Sarrazin habe mit den Grundwerten der SPD „schon lange nichts mehr zu tun“, fügte Kühnert hinzu. Der frühere Berliner Finanzsenator und Bundesbank-Vorstand Sarrazin wird in der SPD seit längerer Zeit als islamfeindlich kritisiert, ein Parteiausschluss scheiterte jedoch zuletzt 2011. Die Bundes-SPD und weitere Antragsteller hatten damals ihre Anträge auf Ausschluss zurückgezogen, nachdem Sarrazin zugesichert hatte, sich künftig an die Grundsätze der Partei zu halten.

Der Wille in der gesamten SPD sei „groß, nach der Veröffentlichung des Buches einen neuen Anlauf für ein Parteiausschlussverfahren zu nehmen“, hob Kühnert hervor. „Es geht nicht nur darum, das Thema Sarrazin endlich loszuwerden, sondern auch um eine scharfe Abgrenzung von seinen Thesen.“ Ein neuer Anlauf müsse aber „angesichts der hohen Hürden für einen Parteiausschluss gut vorbereitet sein“, mahnte der Juso-Chef. (TT.com/APA/AFP)


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