1938/2018 - „Versteckte Jahre“: Vom Überleben als U-Boot

Wien (APA) - Vor drei Jahren veröffentlichte die junge Journalistin Anna Goldenberg die Geschichte ihres Großvaters, der die NS-Zeit als jüd...

Wien (APA) - Vor drei Jahren veröffentlichte die junge Journalistin Anna Goldenberg die Geschichte ihres Großvaters, der die NS-Zeit als jüdisches U-Boot in Wien überlebte, im „Falter“. Nun ist im Zsolnay Verlag das Buch „Versteckte Jahre. Der Mann, der meinen Großvater rettete“ erschienen. Ein berührendes Dokument über die Leiden zweier Wiener Familien, die den Holocaust nur zum Teil überlebten.

Ausgehend von ihren umfassenden Recherchen, die sich in Ich-Form als roter Faden durch das Buch ziehen, fächert die 1989 in Wien geborene Autorin und Journalistin auf rund 180 Seiten die Geschichte ihrer Großeltern auf: So lernt der Leser bald zwei große, weitverzweigte Familien kennen, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten jäh zerrissen werden. Ausführlich wie einfühlsam schildert Goldenberg die verzweifelten Bemühungen ihrer Vorfahren, nach Amerika auszuwandern oder zumindest die Kinder nach England zu verschicken und schließlich die Deportation jener, denen die Ausreise nicht gelungen war.

So landete Goldenbergs Großmutter Helga mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in Theresienstadt, wo sie schließlich zu Kriegsende von der Roten Armee befreit wurden und später mit dem traumatisierten Vater, der den Krieg in italienischer Gefangenschaft verbracht hatte, wieder vereint wurden. Die Eltern ihres späteren Ehemannes Hans, die gemeinsam mit dessen jüngerem Bruder deportiert wurden, überlebten den Krieg nicht, während der damals 17-Jährige dank der Hilfe des Kinderarztes Pepi, der den jungen Mann über zwei Jahre lang in seiner Wohnung versteckte, als Einziger überlebte. Bald nach dem Krieg lernten sich Hans und Helga, Goldenbergs Großeltern, in Wien kennen und lieben, studierten Medizin, gingen für kurze Zeit nach Amerika und kehrten schließlich nach Wien zurück.

Vor diesem Hintergrund ist der Untertitel „Der Mann, der meinen Großvater rettete“ ein wenig irreführend: Über Pepi, den Wiener Arzt Joseph Feldner, erfährt man im Laufe der Lektüre am wenigsten. Das ist kaum verwunderlich, hat die Autorin mit ihrer Großmutter Helga doch eine Zeitzeugin, die ihr aus erster Hand aus dem Leben der Familie berichtete, während Pepi längst gestorben ist. Als zweite mächtige Quelle dienen Anna Goldenberg jene Aufzeichnungen, die ihr Großvater Hans seiner Familie hinterließ und die ein umfassendes Bild seines Lebens vor, während und nach dem Krieg zeichnen.

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Es ist ein zutiefst persönliches Buch, angereichert mit unaufdringlichem historischen Faktenwissen, reflektierenden Passagen aus der Sicht einer Nachgeborenen und zahlreichen Szenen aus dem Alltag des Überlebens - sowohl in Theresienstadt als auch in Wien - die es manchmal schwer machen, weiterzulesen. Etwa in jenem Kapitel, als Helgas Familie versucht, nach Schanghai zu fliehen, dabei jedoch einem Betrug zum Opfer fällt und ihr Erspartes verliert. Es ist eine Familiengeschichte voller Katastrophen, aber auch eine des Überlebens - und Weiterlebens. Und die Erinnerung an die Geschehnisse lebt bis heute. In Erzählungen, Briefen und nun auch in „Versteckte Jahre“, das gerade im laufenden Gedenkjahr eine wichtige Lektüre ist.

(S E R V I C E - Anna Goldenberg: „Versteckte Jahre. Der Mann, der meinem Großvater das Leben rettete“, Zsolnay Verlag, 186 Seiten, 20,60 Euro. Buchpräsentation am 2. Oktober, 19 Uhr, Wien, Hauptbücherei am Gürtel.)


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