„Der Outsider“ - Sittenbild und höllischer Ritt: Kings neuer Roman

Wien (APA) - Stephen King wird mit seinem eben erschienen Buch „Der Outsider“ wohl keinen Fan enttäuschen. Auch wenn der Meister des literar...

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Wien (APA) - Stephen King wird mit seinem eben erschienen Buch „Der Outsider“ wohl keinen Fan enttäuschen. Auch wenn der Meister des literarischen Grauens aus hauptsächlich bewährten Zutaten eine Geschichte im Genregrenzbereich zwischen Crime und Horror erzählt, so ist diese trotzdem höchst unterhaltsam. Subtile Anmerkungen zum Amerika der Gegenwart würzen die Story um alternative Fakten und das Böse.

„Der Outsider“ ist so ungefähr der 60. Roman des bald 71-jährigen Autors. Wie oft in seinem Oeuvre, stellt King den Kampf des Guten, oder besser: eine Gruppe an Guten, gegen eine dunkle Macht in den Mittelpunkt. Dabei holt er weit aus und greift die Legende des lateinamerikanischen Schreckgespenstes El Coco auf. Dieses nährt sich an Kindern und Kummer. Es gibt eben „mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt“, muss sich eine Figur in „Der Outsider“ eingestehen.

Der 750-Seiten-Thriller beginnt wie ein klassischer „Wer-war-es-Krimi“: Ein Lehrer und Baseballtrainer wird während eines Spiels vor 1.500 Augenzeugen verhaftet. Man wirft einen grauenhaften Kindsmord vor. Die Beweise sind eindeutig: Es gibt passende Fingerabdrücke, ebensolche DNA-Spuren und zahlreiche Zeugenaussagen, die den Verdächtigen im Bereich des Tatorts zur Tatzeit gesehen haben - ja sogar mit dem späteren Opfer. Aber dann stehen die Ermittler vor einem Problem: Ihr Täter hat ein absolut wasserdichtes Alibi und war zur besagten Zeit weit verreist. Schnell überschlagen sich die Ereignisse.

Ungefährt in der Mitte des Romans kippt dieser ins Mysteryfach und zwar mit dem Auftauchen der Privatermittlerin Holly Gibney, King-Fans aus seiner „Mr. Mercedes“-Trilogie bekannt. King versteht es dabei, völlig unreale Situationen real erscheinen zu lassen. Und wie die Guten in seinem Buch, nimmt es auch der willige Leser als gegeben hin, dass es den Butzemann eben doch gibt. Zumindest so lange man im neuesten Page-Turner des Schriftstellers verweilt.

Einmal mehr setzt King auf Suspense und permanente Cliffhanger, das beherrscht er wie kaum ein anderer. Ebenso meisterlich inszeniert er (einmal mehr) das Grauen in einer Kleinstadt. Politische Anspielungen findet man zwischen den Zeilen, aber nie zu plakativ. „Der Outsider“ kann vielleicht als verdeckter Kommentar zu „Trump-Land“ betrachtet werden, zumindest das Thema „alternative Fakten“ greift King genüsslich und dankbar auf. Bei aller Unterhaltung führt King das Leid von Opferfamilien vor Augen - und die unreflektierten Reaktionen des Mobs. Somit ist „Der Outsider“ ebenso Sittenbild wie ein höllischer Ritt.

(S E R V I C E - Stephen King: „Der Outsider“, aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt, Heyne, gebundene Ausgabe, 752 Seiten, 26,80 Euro)


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