Ein Traum von Filmen, die aus dem Nichts entstehen
Arnaud Desplechin zeigt in „Les Fantômes d’Ismaël“, wie Regisseure ihre kreativen und emotionalen Krisen bewältigen.
Innsbruck –Der Regisseur Ismaël (Mathieu Amalric) möchte von seiner seit 21 Jahren spurlos verschwundenen Frau Carlotta Bloom (Marion Cotillard) erzählen. Er wählt dafür das Genre des Spionagethrillers. Ivan Dedalus (Louis Garrel) bereitet sich auf seinen ersten Einsatz vor und erzählt einer Mitarbeiterin, dass er unter dem Helsingør-Syndrom leide. Unsereins könnte da nur mitfühlend nicken, doch Arielle (Alba Rohrwacher) kennt Shakespeare. „Helsingør? Das war doch Hamlets Heimat.“
Neben dieser wie Carlotta verlorengegangenen Konversation offeriert die Szene noch andere Referenzen. Bloom und Dedalus verweisen als Figuren auf James Joyce, der in seinem „Ulysses“ diese Aneignung des dänischen Prinzen vorweggenommen hat. Andererseits war Mathieu Amalric bereits 2015 in Arnaud Desplechins „Trois souvenirs de ma jeunesse“ Dedalus, allerdings wurde dieser Film außerhalb Frankreichs – wie fast alle Kinoarbeiten Desplechins – nicht verliehen. In Frankreich kennt die Wertschätzung für den Cineasten dagegen keine Grenzen, weshalb „Les Fantômes d’Ismaël“ im Vorjahr das Festival von Cannes eröffnen durfte. Die Geisterstunde über die Lebens- und Schaffenskrisen eines Künstlers sind immerhin Desplechins „8½“ – aber weit entfernt von Fellinis Meisterwerk.
Es ist unsicher, ob Ismaël diesen Agentenfilm träumt oder schon realisiert, da die eben begonnene Geschichte von einem Anruf unterbrochen wird. Carlottas Vater (László Szabó), ebenfalls Regisseur, hat von Carlottas Tod geträumt, eine Nachricht, die Ismaël nicht gerade bestürzt.
Mit dem Insert „Zwei Jahre früher“ drückt Desplechin auf den Resetknopf und eröffnet eine neue Geschichte. Der Regisseur erobert die Astrophysikerin Sylvia (Charlotte Gainsbourg), mit der ein neues, gemeinsames Leben in Reichweite erscheint. Plötzlich steht aber Carlotta vor dem Strandhaus und beansprucht ihrerseits alte Rechte. Mit Erklärungen zu den Gründen ihres Verschwindens und Ereignissen während ihrer Abwesenheit ist die untreue Frau eher zurückhaltend.
Anders als ein Schriftsteller, der mit seinen Selbstzweifeln nur auf ein Blatt Papier oder ein blankes Dokument auf dem Bildschirm starren kann, muss ein Filmregisseur seine Krise vor Investoren oder Produzenten ausbreiten, um sie von der künstlerischen Wucht ihrer kreativen Leere zur überzeugen. Zugleich begegnen Produzenten den von ihnen gehätschelten Künstlern im Bewusstsein, jederzeit mit dem Tod rechnen zu müssen. Zumindest Zwy (Hippolyte Girardot) erträgt seine Schusswunde mit Humor, während ihm Ismaël am Beispiel von Jan van Eycks „Hochzeitsbild der Anolfini“ die Geschichte von der Erfindung der Perspektive vorträgt.
Wenn dieses Nichts als Film im Film auf der Leinwand zu sehen ist, wirkt im glücklichen Fall die Magie des Kinos. Bei Arnaud Desplechin bleibt nur Chaos. Wen die Sehnsucht nach einem Lehrstück über die Kunst, Geldgeber für das Nichts zu begeistern, ins Kino treibt, liegt bei „Les Fantômes d’Ismaël“ richtig. (p. a.)
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