Voltigieren

Das Spiel der Könige als Schachpartie des Lebens

Gut gelaunt in die USA: Klaus Haidacher, Lindner und Wacha.
© TT/Julia Hammerle

Tirols Voltigier-Duo Lindner/Wacha verzaubert vor den Weltreiterspielen mit neuer Kür, die eigentlich im Vorjahr hätte Premiere feiern sollen.

Von Sabine Hochschwarzer

Pill –Manchmal gibt es im Leben nur Schwarz oder Weiß. „Es war die schlimmste Zeit, die ich je erlebt habe“, gesteht Lukas Wacha. Partnerin Jasmin Lindner senkt den Kopf. Die Gefühle von damals kommen wieder hoch. Die Vorgeschichte: Eine Woche vor der Heim-EM in Wien war der Schwazer im Training so unglücklich gelandet, dass vier Mittelfußknochen brachen – ihr Traum platzte. Statt beim Karriere-Höhepunkt auf dem Pferd zu turnen, saß er, von Lindner geschoben, im Rollstuhl – mit Schrauben im Fuß und der Ungewissheit im Kopf, ob er jemals seinen Sport wieder würde ausüben können.

Premiere in Pill: Lukas Wacha und Jasmin Lindner, bei einem ihrer schwersten Elemente, verwandeln sich in ihrer Kür in Schachspieler.
© TT/Julia Hammerle

Rund ein Jahr danach stehen die beiden nun vor der Reithalle in Pill. Arm in Arm, in glänzend schwarz-weißen Kostümen. „Wir wollen Gold holen“, sagt die 23-Jährige selbstbewusst, vor den Weltreiterspielen ab nächstem Dienstag in Mill Spring (USA). Wieder Gold also. Längst haben Lindner/Wacha alles gewonnen, was im Pas-de-Deux auf dem Pferderücken möglich ist: die WM-Titel 2012, 2014 und 2016, die EM-Titel 2013 und 2015, den Gesamtweltcup 2012/2013.

Allein deshalb blickt die Konkurrenz, vornehmlich zwei deutsche Paare und ein italienisches, gespannt nach Tirol. „Die ersten Bilder unserer letzten Kür hat jemand im Netz verbreitet, so als ob es etwas ganz Exklusives wäre“, erzählt Lindner schmunzelnd von einer in der Voltigier-Szene entstandenen Spannung um ihre neuen Übungen. So wie jetzt wieder: Bis Dienstag hatte kaum jemand ihre Choreographie zu sehen bekommen, schon gar nicht die handgenähten Anzüge.

Dr. Doolittle galoppiert, während Wacha/Lindner auf ihm turnen.
© TT/Julia Hammerle

Was ursprünglich als kleine Generalprobe für Vereinskollegen geplant war, vor allem um ihr temperamentvolles Pferd einzustimmen, zieht rund 170 Zuschauer in die Halle. „Damit haben wir nicht gerechnet“, staunt Longenführer Klaus Haidacher, der mit „Dr. Doolittle“ von Belgien aus als Erster in die USA abhebt. „Das sind fast mehr Leute als bei einem Turnier.“

Lindner/Wacha begeistern auf Anhieb, auch wenn Beifall erst nach Ende der zwei Minuten erlaubt ist. Zu Variationen der Mondscheinsonate stellen sie ein Schachspiel nach, angelehnt an den Film „Das Spiel der Könige“ und mit Zitaten aus der „Schachnovelle“. Eine Geschichte, die beide eigentlich im Vorjahr hatten erzählen wollen. Ausgerechnet diese dunkle Vergangenheit lässt sie nun aber heller leuchten. „Weil wir so viel Zeit hatten, konnten wir noch Elemente dazu einbauen“, beschreibt der 29-Jährige. Schwierigkeiten, die noch nie zuvor ein Duo so gezeigt hat. Einen einarmigen Handstand etwa oder jenen Teil, bei dem „Luggi“ seine „Jassi“ – sie sind auch privat ein Paar – unter den Händen trägt.

Nur ein Punkt bleibt schwarz: Lindner darf wegen eines Formfehlers doch nicht im Einzel antreten. „Ich hätte zwei Ergebnisse gebraucht, habe aber nur eines und keiner hat dies bemerkt oder nachkontrolliert“, ärgert sich die Titelverteidigerin. Alles dreht sich also um das Duett. Allein beim Gedanken daran blitzen die Zähne wieder weiß hervor. So darf man die gesprochene Schlussszene der Kür an die Gegner gerichtet verstehen: „Ich mach’ dich fertig. Schachmatt.“

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