Filmfestival in Venedig: Alter Glanz und neue Herausforderungen
Das Filmfestival in Venedig feiert heuer sein 75-Jahr-Jubiläum. Mit einer ebenso nicht mehr ganz neuen Debatte zur Zukunft des Kinos.
Von Marian Wilhelm
Venedig –Am Lido di Venezia herrscht derzeit ähnlich viel Verkehr wie auf der Piazza San Marco. Doch es sind nicht die üblichen Touristenmassen, die sich vom Glanz alter Tage inspirieren lassen, es sind Menschen aus der Filmindustrie und Journalisten, die alljährlich Anfang September für das Filmfestival auf die beschauliche Insel der Lagunenstadt pilgern. „Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica della Biennale di Venezia“ nennt sich das älteste Filmfestival der Welt stolz. Eine jährliche Ausstellung, eine Schau der besten Filme soll es sein. Und das Beschauen der Filmstars gehört fast von Anbeginn zum Kino dazu, auch zum europäischen, das sich selbst gerne als Hochkultur begreift.
Wer hier innerhalb oder außerhalb des Wettbewerbs seine Weltpremiere feiert, muss sich an strengeren Maßstäben messen lassen als anderswo. Doch für die Chance auf einen der Löwen oder schlicht die Publicity im Rahmen des Festivals nehmen das auch teure Publikumsfilme auf sich, wie etwa der diesjährige Eröffnungsfilm „First Man“ des jungen Regiestars Damien Chazelle.
An der Promenade zwischen dem Hotel und dem Kinopalast flanieren inzwischen die weniger berühmten Festivalgäste und die Industry Professionals eilen zur nächsten Vorstellung, vorbei an den Plakaten großer Produktionen, die hier versuchen, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ob Natalie Portman (als Sängerin Celeste in „Vox Lux“) oder Willem Defoe (als Maler Vincent van Gogh in „At Eternity’s Gate“): Hier beginnt im Herbst die Reise durch die Filmlandschaft, die zumindest für die Amerikaner manchmal zu einem Oscar-Frühling führt. Dieses Jahr, hier wie dort, auch im Rennen: Deutschlands Oscar-Einsendung „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck, einer episch-historistischen Künstler-Geschichte, die in 188 Filmminuten zuweilen ordentlich dick aufträgt.
Aus Österreich ist Sudabeh Mortezai („Macondo“) in Venedig in einer Nebenschiene vertreten. Ihr stark sozialrealistischer Film „Joy“ erzählt von der Titelheldin aus Nigeria, die in Wien ums Überleben kämpft.
Was die Mostra am Lido so besonders macht: Im Gegensatz zur kalten schmucklosen Berlinale und dem Pomp an der Croisette von Cannes liegt am Lido der Charme vergangener Zeiten in der Luft. Symbol dafür ist das seit Jahren leer stehende Hotel des Bains. Einst diente es als Nobelhotel für Thomas Mann und seinen „Tod in Venedig“ und war dann der Original-Drehort für Viscontis Adaption. Heuer hat das ehemalige Festivalhotel erstmal für eine Ausstellung wieder geöffnet.
Denn das Festival wird 2018 75 Jahre alt. Sala Grande, Darsena, Perla, Pasinetti oder Volpi nennen sich die nur einmal im Jahr vollen Kinosäle rund um den 1938 erbauten Palazzo del Casinò. Der ist zwar kein Casino mehr, aber als Festivalort trotz Neubauplänen und Überschwemmungstendenz bei Regen immer noch in Betrieb. Die Ursprünge des Festivals im Faschismus sind aber nicht nur am Hauptgebäude deutlich sichtbar. Der große Schauspielpreis, die Coppa Volpi, ist nach wie vor nach dem Faschisten Giuseppe Volpi, Finanzminister Mussolinis und Gründer des Filmfestivals, benannt. Der Fokus des Festivals liegt aber trotz starker Bezüge zur Vergangenheit klar in der Zukunft: Festivaldirektor Barbera bringt erneut ein wichtiges Thema zur Diskussion, das sich mit nichts weniger als der Entwicklung des Kinos beschäftigt.
Grund ist der bereits in Cannes ausgetragene Kampf zwischen Kinos und dem potenten Streaminganbieter Netflix als Angreifer. Netflix präsentiert und provoziert in Venedig mit insgesamt sechs Produktionen, drei davon im Hauptwettbewerb um den Goldenen Löwen. Darunter ist auch „Roma“ von Alfonso Cuarón („Gravity“) als der Hauptfavorit der bisher gezeigten Wettbewerbsfilme und der Episoden-Film „The Ballad of Buster Scruggs“ der Coen-Brüder. In der altehrwürdigen Sala Grande laufen im Jahr 2018 also Filme, die kurz darauf weltweit direkt auf die Bildschirme wandern.
Für Liebhaber der kollektiven Kinoatmosphäre ein Grausen. Wie die Filmwelt damit umgehen soll, ist in diesem Jahr jedenfalls das dominierende Gesprächsthema am Lido di Venezia. Fast wichtiger als die möglichen Gewinner der Löwen am kommenden Samstag.
Cineastentipps
Werk ohne Autor: startet am 4. Oktober in den österreichischen Kinos.
The Ballad of Buster Scruggs: ab 18. November auf Netflix.
Roma und zwei weitere Netflix-Produktionen: für 2018 angekündigt.
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