Aichners “Bösland“: Zwischen Gerechtigkeit und Recht

Die Flucht aus einer verlogenen Vergangenheit: Mit „Bösland“ legt der Tiroler Bestsellerautor Bernhard Aichner dieser Tage seinen neuen Thriller vor. Erste Exemplare signiert er heute in Innsbruck.

© Thomas Boehm / TT

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Der Film „Stage Fright“ (1950) zählt zu den wenig besungenen Werken von Spannungsgroßmeister Alfred Hitchcock. Der Regisseur hatte eine plausible Erklärung dafür. Im Interview mit François Truffaut gestand er: „Ich habe mir bei dieser Geschichte etwas erlaubt, was ich nie hätte machen dürfen: eine Rückblende, die eine Lüge war.“

Auch im Zentrum von Bernhard Aichners neuem Roman „Bösland“, er wird dieser Tage ausgeliefert, steht eine vielbeschworene Tatsache, die sich nach und nach als perfider Fake entpuppt.

Dass die Geschichte, die Protagonist Ben sich und seiner Therapeutin auftischt, nicht ganz sauber ist, merkt man vergleichsweise schnell. Und da Ben selbst nicht weiß, dass die blutigen Vorgänge, die ihn als Heranwachsenden in eine psychiatrische Anstalt führten, nur ein Teil der echten Geschichte sind, verzeiht man Aichner den schlecht beleumundeten Kunstgriff. Denn er bringt die Handlung in Gang.

Auch mit „Bösland“ zeichnet sich Aichner als atemloser Erzähler aus, von einer Wendung zur nächsten, von Höhepunkt zu Höhepunkt. Zugegeben: Nicht jeder raubt auch dem Leser den Atem. Doch schon die Geschwindigkeit, mit der einen Aichner von den Fluchtversuchen aus einer gewaltreichen Kindheit zu deren gegenwärtigen Auswirkungen führt, lässt über die eine oder andere Ungereimtheit hinwegsehen.

Auf das Stakkato zahlloser Drei-Wort-Satzgeschosse, die Aichner in der „Blum“-Trilogie erprobte, verzichtet er glücklicherweise. Bereits im zweiten und dritten Teil seiner erfolgreichen Saga um die mehrfach mordende Bestatterin Brünhilde Blum drohte das expressive Stilmittel zur Masche zu verkommen. In „Bösland“ erlauben sich Aichners nach wie vor schnörkellose Sätze den einen oder anderen relativierenden Schwenker. Nicht alles ist schwarz oder weiß, selbst in „Bösland“ sind die Bösen nicht nur banal böse.

Letztlich, hier bleibt Aichner Generalist, stehen am Anfang aller Verbrechen, jenen im Raum des Privaten wie denen, die sich ins Netz einer globalisierten Wirtschaft knüpfen, triviale Kränkungen. Ob damit der Komplexität der menschlichen Psyche oder grenzübergreifender Gewinnmaximierungbestrebungen Genüge getan wird, sei dahingestellt, die Konstellation bleibt plausibel – und der Thriller spannend.

Wie schon die „Blum“-Thriller ist auch „Bösland“ klug gebaut: Knappe aus noch knapperen Textblöcken zusammengesetzte Kapitel, präzise platzierte Hinweise und Andeutungen, die darauf vorbereiten, dass alles ganz anders kommen wird. Dazwischen: knackige Dialogpassagen, in denen das, worum es wirklich geht, bisweilen wortreich verschwiegen wird.

Worum aber geht es wirklich? Ben nimmt den Expertenrat seiner Therapeutin ernst und besucht das „Bösland“ seiner Kindheit – und lernt, was er bereits ahnte: Die Dinge waren weit weniger eindeutig, als man ihn glauben ließ. Er forscht weiter – und landet in der bedrohlichen Idylle selbstgefällig gelebten Luxus, dann in Thailand.

Eine im Prinzip ähnliche Ausgangslage führte in „Totenfrau“ zu Blums Rachefeldzug. Aichner sah sich damals mit dem durchaus nachvollziehbaren Vorwurf konfrontiert, er habe mit seinem ersten internationalen Bestseller eine romantisierte Rechtfertigung von Selbstjustiz vorgelegt – und moralische Fragen mit Blick auf spektakuläres Abschlachten ignoriert.

Mit „Bösland“ antwortet er diesen Kritiken mit selbstbewusstem Augenzwinkern: Auch in „Bösland“ tritt die gewissenhaft arbeitende Polizei auf der Stelle. Auch diesmal muss der Gerechtigkeit nachgeholfen werden. Doch Ben, der selbst erst lernen muss, dass in ihm kein Totschläger schlummert, greift nicht zur Waffe, sondern lässt sich selbstvergessen zur Figur in einem ungleich gefinkelteren Spiel machen.

In der elegant inszenierten Schlussvolte – noch vor dem etwas bemühteren Happyend – schleicht Friedrich Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ durch Bernhard Aichners „Bösland“: Wenn man die wahren Schufte für ihre Taten nicht dingfest machen kann, muss man ihnen andere unterjubeln. Das ist zwar nicht rechtens, aber doch irgendwie gerechtfertigt.

Thriller Bernhard Aichner: Bösland. BTB, 447 Seiten, 20,60 Euro. Signierstunde: Heute, 15.30 Uhr, Buchhandlung Wagner’sche Innsbruck. Lesungen im Rahmen des Krimi­fests Tirol: So, 14. Oktober, 10.30 Uhr, MPreis Beda-Weber-Gasse, Lienz. Do, 18. Oktober, 20 Uhr, Treibhaus Innsbruck. www.krimifest.at


Kommentieren


Schlagworte