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Vergiftetes Essen aus staubigen Äckern

Taggart Siegel und Jon Betz beschreiben in ihrem beängstigenden Dokumentarfilm „Unser Saatgut“ die Macht der Biotech-Konzerne.

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© Thimfilm

Innsbruck –Im 19. Jahrhundert konnte Irland Weizen exportieren, weil die englischen Großgrundbesitzer ihre Pächter zwangen, sich von Kartoffeln zu ernähren. Als sich im feuchten Sommer des Jahres 1846 der vermutlich aus Amerika eingeschleppte Kartoffelfäulnispilz ausbreitete und die gesamte Ernte vernichtete, verhungerte etwa eine Million Iren, zwei Millionen tauschten das irische Elend mit der ungewissen Zukunft als Migranten in Amerika. „Deshalb gibt es so viele Einträge mit O’ im Bostoner Telefonbuch“, sagt ein Bauer in „Unser Saatgut“ von Taggart Siegel und Jon Betz.

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Der Dokumentarfilm liefert aber eine weitere Erkenntnis, denn mit anderen Kartoffelsor­ten hätte die Hungerkatastrophe verhindert werden können. Von den 3000 Sorten hatten die Saatgut-Lieferanten jene ausgewählt, die für feuchtes Klima ungeeignet war und dem Pilz nichts entgegensetzen konnte.

Das umgekehrte Problem haben Bauern mit ausgetrockneten Böden, die nur noch verdorrte Erträge zulassen. Taggart Siegel und Jon Betz zeigen in animierten Filmblöcken die Geschichte der Kulturpflanzen, die sich in den vergangenen 8000 Jahren gegen Wetterkapriolen wehren mussten und dabei erstaunliche Strategien entwickelt haben, die bereits Charles Darwin beobachtet und beschrieben hat.

Während Farmer zwischen Arizona und Kalifornien verzweifelt auf staubige Äcker starren, bieten Hippies, die mit einer Thoreau-Ausgabe und Illusionen auf das Land gezogen sind, und nebenan lebende Nachfahren der Ureinwohner einen Einblick in ihre Saatgut-Bibliotheken. Die Hopi-Indianer, bislang vor allem wegen ihrer Prophezeiungen gerühmt, sind auch Hüter einer Landwirtschaftskultur, die sich nicht nur auf den Regentanz verlassen wollte. Gegen diese Schätze aus alten Mais- und Weizenkörnern setzen die Biotech-Konzerne mit dem Argument der Versorgungssicherheit auf genetisch verändertes Saatgut für eine industrielle Verwertung, die aber nicht nur die Verwender in totale Abhängigkeit stürzt.

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Landwirte, die sich den Lockangeboten verweigern, kommen durch den Wind in den Genuss der im Labor konstruierten Samen, um anschließend „wegen Verletzung des Patentrechtes“ verurteilt zu werden. Die Richter sagen, es sei „egal, wie die Samen auf das Feld gekommen sind“, verschweigen aber, dass sie zuvor als Anwälte für Konzerne wie Monsanto oder Syngenta gearbeitet haben. Taggart Siegel und Jon Betz zeigen den Einfluss der Konzerne, die Milliarden in den Lobbyismus investieren und ihre Anwälte in der Regierung oder im Suprem­e Court unterbringen.

Da Irland einst als eng­lische Kolonie betrachtet wurde, kann Monsanto aktuell auf Hawaii große Flächen für Versuche zu neuen Giftvarianten nutzen, ohne auf die Bevölkerung Rücksicht nehmen zu müssen. „Sollten wir es tatsächlich schaffen, die Welt zu retten“, sagt im Film die britische Verhaltensforscherin und Umweltschützerin Jane Goodall, „werden wir eines Tages kopfschüttelnd fragen: Wie sind wir je auf die Idee gekommen, Lebensmittel zu erzeugen, indem wir sie in Gift ertränken?“ (p. a.)


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