Böser Wurstel: „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“ im Nestroyhof

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~ --------------------------------------------------------------------- KORREKTUR-HINWEIS In APA084 vom 17.10.2018 muss es im vierten Absatz richtig heißen: Regisseurin Ingrid Lang (nicht: Irene Lang) --------------------------------------------------------------------- ~ Wien (APA) - Spät erfuhr er jene Aufmerksamkeit, die er verdient. Bald nach seinem Tod geriet er wieder in Vergessenheit: der österreichische Autor und Anwalt Albert Drach (1902-1995). Im Wiener Theater Nestroyhof Hamakom widmet man ihm nun einen heftigen „Drach-Herbst“ mit einigen Veranstaltungen. Gestartet wurde gestern mit einer fulminanten Premiere: „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“ ist sehenswert.

Drach soll zu dieser Faschismusparabel aus dem Geist des Wiener Volkstheaters durch seine Lektüre von Hitlers „Mein Kampf“ inspiriert worden sein. Aus 1935 stammt die erste Fassung. Das Manuskript ging auf der Flucht vor den Nazis ebenso verloren wie die zweite Version. Der Autor rekonstruierte sein Kasperlspiel mehrmals. Im Nestroyhof wird nun eine Fassung aus dem Jahre 1967 gespielt, deren Ende später von Drach nochmals überarbeitet wurde. Bitteres Fazit: Den Wurstel, der das Böse der Menschen wie ein Schwamm aufsaugt und damit seine Späße treibt, kann keiner erschlagen.

Vincent Mesnaritsch hat in den historischen, stimmungsvollen Theatersaal einen grau gestrichenen, multifunktionalen Bretterverschlag gebaut. Die zentrale Schaubude lässt sich innen wie oben bespielen und wirft den Besuchern ihr eigenes Spiegelbild zurück. Links und rechts betonen Mini-Bühnen den Jahrmarkts-Charakter, von der Seite kann zudem für eine gespenstische Wirtshausszene eine veritable Gaststube mit Tier-Trophäen an den Wänden hereingefahren werden.

Regisseurin Ingrid Lang versteht es, diese originelle Bühnenlösung für ein intensives, auf grelle Zeichenhaftigkeit setzendes Spiel zu nutzen. Im Zentrum steht Matthias Mamedof als Kasperl, der durch von der unterhaltungssüchtigen Menge gespendetes Blut zum Leben erweckt wird und nichts anderes macht als die aufgeschnappte „öffentliche Meinung“ zuzuspitzen und für sich zu nutzen. Es wird - begleitet von schönen Gesangseinlagen seiner Gefährtin Amanda (Eva Mayer) - ein unaufhaltsamer Aufstieg, bei dem die Mechanismen der Machtübernahme deutlich herausgearbeitet werden.

Die Zutaten zum politischen Erfolgsrezept sind Heldenmythen („Sieben auf einen Streich!“), Feindbilder (obwohl offenkundig ist, dass die Land und Leute bedrohenden „Riesen“ reine Erfindung sind) und Sündenböcke. Ein Außenseiter namens Köpfler wird dem Mob überlassen, während Kasperl Siebentot über die Zusammenhänge von Lüge und Reklame, Mode und Moral sinniert, Kasperlmützen verteilt (lächerliche graue Sturmhauben mit Sehschlitzen) und sich als „ein Mann dieser Zeit“ an die Königstochter heranmacht. Kasperl wird König, der Kreis schließt sich, das Volk wird wieder zur nackten Masse, die auf ihre Erweckung wartet. Auf den nächsten gefährlichen Kasperl. Denn Meister Siebentot kündigt an: „Und morgen komm‘ ich wieder!“

Wer nach dieser knapp 90-minütigen, bei der Premiere stark akklamierten Vorstellung mehr von Albert Drach erfahren will, bekommt im „Drach-Herbst“ des Hamakom ausgiebig dazu Gelegenheit: Am 22. Oktober folgt eine von Karl Baratta eingerichtete szenische Lesung des Romans „Unsentimentale Reise“. Für die Schilderung einer nach Südfrankreich führenden abenteuerlichen Flucht vor den Nazis hatte Drach 1988 den Büchnerpreis erhalten. Am 29. Oktober und 12. November gibt es szenischen Einrichtungen von Frederic Lion, Lisa Niederwimmer und Patrick Rothkegel zu den drei zwischen 1983 und 1988 veröffentlichten Erzählungen „Ja“, „Und“ sowie „Nein“ mit Thomas Kamper, Inge Maux und René Rebeiz.

Am 5. November stellen Alexandra Millner und der Herausgeber Gerhard Fuchs den kürzlich erschienenen Band 9 der Drach-Werkausgabe vor, der den späten Prosatext „O Catilina“ sowie den bisher unveröffentlichten, an ein mittelhochdeutsches Heldenepos angelehnten Text „Kudruns Tagebuch“ umfasst. Am 17. November schließlich spricht Drach-Biografin Eva Schobel zu Leben und Werk des Autors.

(S E R V I C E - „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“ von Albert Drach, Regie: Ingrid Lang, Bühne: Vincent Mesnaritsch, Kostüme: Aleksandra Kica, Musik: Karl Stirner, Mit Rainer Doppler, Alaedin Gamian, Thomas Kamper, Sören Kneidl, Thomas Kolle, Matthias Mamedof, Eva Mayer, René Rebeiz, Markus Schramm und Roswitha Soukup. Theater Nestroyhof Hamakom, Wien 2, Nestroyplatz 1, Nächste Aufführungen: 18., 19., 20., 24., 26., 27., 31.10., 20 Uhr, Karten: 01 / 8900314, www.hamakom.at; Weitere Veranstaltungen: https://www.hamakom.at/drach-herbst; Albert Drach: „O Catilina / Kudruns Tagebuch“, Werkausgabe Band 9, Zsolnay Verlag, 352 Seiten, 28,80 Euro, Buchpräsentation: 5. November, 20 Uhr, Albert Drach Gesellschaft: http://www.albert-drach.at)

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen unter http://presse.artphalanx.at/das-kasperlspiel-vom-meister-siebentot/ zum Download bereit.)


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