Kino

“Ex Libris“: Die Begeisterung für die amerikanische Idee

© Filmladen

Der Dokumentarfilmer Frederick Wiseman appelliert in seiner aktuellen Arbeit „Ex Libris” an die Wachsamkeit der Zivilgesellschaft.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Ganz konventionell und der Orientierung wegen zeigt Frederick Wiseman am Anfang seines Dokumentarfilms „Ex Libris – Die Public Library von New York” die Fassade der Bibliothek in der 5th Avenue. Die Kamera wechselt ins Innere, die Drehtür schiebt mit vier Flügeln Luft in die Marmorhalle.

In einem Verwaltungsraum ermahnt eine Angestellte einen Bibliotheksbenutzer zur Rückgabe entliehener Bücher, bevor ein neues ausgegeben werden kann. 50 Bücher sind das Limit.

In einem Sitzungszimmer beraten Führungskräfte neue Strategien beim Lukrieren von Zuwendungen, denn die Bibliothek mit Zweigstellen in allen Bezirken der Metropole wird je zur Hälfte von der Stadt und von privaten Förderern finanziert.

Zwölf Wochen lang hat Wiseman 2015 mit seinem Kameramann John Davey den Bibliotheksalltag beobachtet. Zwei Jahre lang hat er in den 500 Stunden Filmmaterial nach dem „Direct Cinema”-Prinzip nach dem Faden gesucht, der Bilder und Töne ohne jeden Kommentar zum Erzählen bringt. Die Struktur fand Wiseman, inzwischen 88 Jahre alt, schließlich bei einer Filmlänge von 197 Minuten, die beim letztjährigen Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig uraufgeführt wurden. Über die Länge lässt sich streiten, doch selbst auf den ersten Blick überflüssig erscheinende Budgetsitzungen machen Widersprüche in der Vermittlung von Kultur sichtbar. Jedes Buch, das durch die Verführung der Bestsellerlisten von Leser zu Leser wechselt, ist für Verwaltungsbeamte die Bestätigung der richtigen Einkaufspolitik, aber soll deshalb auf anspruchsvolle Literatur verzichtet werden? Mit den richtigen Ausweisen können sich Benutzer Laptops mit limitiertem Datenvolumen borgen, um sich mit dem digitalen Universum vertraut zu machen. Diese von Sponsoren lancierte Initiative setzt die Stadtverwaltung beim Ausbau der notwendigen Infrastruktur unter Druck. So macht die Bibliothek Lokalpolitik, ohne das eigene Budget zu belasten. Auf ähnliche Weise versuchen die Verantwortlichen – der Film verzichtet neben dem Kommentar auch auf Inserts, die Funktionen oder Hierarchien deutlich machen – eine Lösung bei anderen Problemen.

Der Film taucht nur einmal in den Bauch der Bibliothek, wenn Bücher oder DVDs auf rasenden Förderbändern durch das Labyrinth geschaufelt werden. Die Ausgabe der Medien ist noch immer das Kerngeschäft der ehrwürdigen Institution, doch „Ex Libris” schält aus der Erzählung über die Bildungsmaschine, die 1911 gegründet wurde, um in Sprache und Kultur unterschiedlichste Einwandererströme für die amerikanische Idee zu begeistern.

Noch immer gibt es die Abteilung für „Neu-Amerikaner”, Bürger werden in Seminaren beraten, wie sie sich gegen Behörden und Regierung wehren können. Und es geht auch um die Wachsamkeit der Zivilgesellschaft gegenüber politischen Tendenzen, die Geschichte Amerikas umzulügen. In einem Schulbuch hat es die Sklaverei nie gegeben. Es waren Arbeitsmigranten aus Afrika, die ab dem 16. Jahrhundert auf den amerikanischen Arbeitsmarkt drängten und damit auch das Lohnniveau der Weißen beeinflussten. Die Folgen solch infamer revisitionistischer Fälschungen sind derzeit im politischen Diskurs auf beängstigende Weise zu beobachten. Wegen der Überlänge wird „Ex Libris“ im Innsbrucker Leokino nur in Sonderveranstaltungen gezeigt. Nächster Termin: Sonntag, 11 Uhr in der Matinee.