Tirol

Tiroler Sesselflechter: „Ich steh‘ voll im Leben“

Günther Winkler muss seine Arbeit nicht sehen können, um zu wissen: Sie ist perfekt.
© TT/Julia Hammerle

Günter Winkler restauriert Sitzmöbel aus der Hofburg und wertvolle Designstühle: Er ist einer der letzten Sesselflechter Österreichs.

Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck, Nikolsdorf – Die eine führt, die andere zieht. Günter Winkler aus Nikolsdorf kann sich auf seine Hände verlassen. Sitzt das lange, schmale Band aus fein geschnittener Bambusrohrrinde zu fest, kann es reißen. Ist es zu locker, entstehen Wellen. Das neue Geflecht für die Sitzfläche des Stuhls ist fast fertig, und es ist perfekt. Der Mann mit den feinfühligen Fingerspitzen muss es nicht sehen, um das zu wissen. Er kann es ertasten.

Das aussterbende Handwerk hat der Osttiroler vor vielen Jahren in der Werkstätte der damaligen Fachschule des Odilien-Instituts für Menschen mit Seh- und weiteren Behinderungen in Graz erlernt. Dabei sollte er eigentlich Telefonist werden – „ein typischer Blindenberuf, aber ich wollte lieber mit meinen Händen arbeiten“. Anfangs im Blindenheim St. Raphael und seit dessen Schließung im Aufbauwerk der Jugend in Innsbruck, wo er Rohrgeflechtmöbel restauriert. Meistens sind es Stühle mit gebrochenen Sitzflächen, aber auch eine große Bank mit geschwungenen Lehnen aus einem Schloss war schon dabei und einmal sogar ein Bett, Sitzmöbel aus der Hofburg oder Thonet-Stühle.

Manche Besitzer können ihr Glück kaum fassen, dass er ihrem einst edlen Stück neues Leben einhauchen kann, sind sie doch davon ausgegangen, es sei wertlos geworden. Für andere ist es zu spät: Sie wussten nicht, dass der Beruf des Flechters noch nicht ganz ausgestorben ist und haben ihre ausgedienten Möbel entsorgt.

Bis es möglich ist, sich wieder beruhigt auf einen Flechtstuhl zu setzen, sind mehrere Arbeitsgänge nötig. Erst nach und nach entstehen aus den horizontal, vertikal und diagonal gespannten und eingeflochtenen Bambusrinden Muster, dabei können Tage, unter Umständen auch Wochen vergehen.

Früher hat Günter Winkler auch junge Leute im Aufbauwerk in die Geheimnisse des Handwerks eingeweiht, für andere ist er ein Vorbild. Mit seiner Perfektion kann es ohnehin niemand aufnehmen. „Es ist faszinierend, wie er das macht: Wenn er bei meinen eigenen Versuchen zur Kontrolle mit den Fingerspitzen drüberfährt und sagt, das passt nicht und dort sitzt der Faden falsch“, sagt Jobtrainer Bernhard Schöpf.

Die vielen verschiedenen Muster machen die Aufgabe nicht leichter: Um zu verstehen, wie sie ausgeführt werden, kann sich Günter Winkler nur auf seinen Tastsinn verlassen. „Das Feingefühl dafür bekommt man mit der Zeit.“

Sein neues Kommunikationsmittel, eine an seiner Brille befestigte Kamera mit Vorlesesystem, kann ihm dabei nicht behilflich sein, wohl aber den Alltag erleichtern: um die Zeitung zu lesen, beim Einkaufen oder auch in der Bank, beim Überprüfen der Buchungen auf dem Display. „Früher musste ich immer andere fragen, das ist jetzt nicht mehr so oft nötig. Ich mag die Bettlerei sowieso nicht. Man sollte so viel wie möglich selber machen.“ Der technische Fortschritt ermöglicht ihm ein selbstständiges, selbstbestimmtes Leben. Am Wochenende geht’s mit dem Direktbus zu seiner Familie nach Nikolsdorf.

Auch das neue Smartphone ist sehr nützlich: „Siri, spiel mir bitte ein Lied von Peter Cornelius“, spricht er ins Mikrofon. „Spiel mir bitte ,Ganz einfach leben‘.“ Die Sprach- erkennung bestätigt seinen Wunsch, „dann klick’ ich drauf und schon geht’s los“. „Ich steh’ voll im Leben, bin von niemandem abhängig, verdiene mein Geld und bezahle meine Sachen. Ich bin rundherum zufrieden, es könnte mir gar nicht besser gehen“, sagt der 54-Jährige, der nach seiner Geburt eine nicht erkannte Gelbsucht hatte. „Ich hab’ ein bisschen sehen können und bin als Jugendlicher sogar eine Zeitlang mit dem Radl gefahren, aber dann ist es zu gefährlich geworden.“ Nach vielen Operationen und ebenso vielen Rückschlägen hat er sich entschieden: „Ich mach’ das Beste draus.“

Die fertige Arbeit.
© TT/Julia Hammerle
Die Aufgabe.
© TT/Julia Hammerle