Stechers Kriegserinnerungen: Das Entsetzen einer Nacht
„Der blaue Himmel trügt“, notierte Reinhold Stecher 1943: Kriegserinnerungen eines Tiroler Bischofs anlässlich des 80. Jahrestags von Novemberpogromen und Anschluss.
Von Michaela S. Paulmichl
Innsbruck –„Das einschneidendste Jahr, das meine unbeschwerte Kinder- und Jugendzeit beendete, war 1938 mit dem Anschluss Österreichs an das Reich“, schrieb der 2013 verstorbene, beliebte Altbischof in einem selbst verfassten Lebenslauf. Als Mitglied der katholischen Jugendorganisation war er mit vielen anderen ins Schussfeld der neuen Machthaber geraten. In dem nun aufgelegten Buch „Der blaue Himmel trügt“ sind seine Erinnerungen nachzulesen über eine „unselige Zeit, die kein Altgold heroischer Erklärung verdient“, wie der immer wieder Volksbischof genannte Stecher mahnend meinte.
Das Buch beginnt mit persönlichen Eindrücken über die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938: „Das erste und unmittelbarste Gefühl war das Entsetzen.“ Nicht irgendein Mob aus kriminellen Kreisen sei an den Gräueltaten, den Morden beteiligt gewesen: „Nein, Akademiker waren dabei, Hochschüler aus den einschlägigen Organisationen.“ In der Reichskristallnacht habe der nationalsozialistische Staat sozusagen vor der Weltgeschichte feierlich seine Visitenkarte abgegeben, „den Ausweis mit der fundamentalen Auflösung des Rechtsstaats“. Die so genannte Volkswut sei bestens organisiert gewesen, schreibt Stecher demaskierend.
Als er selbst von der Gestapo im Zusammenhang mit der Aufhebung des Wallfahrtsortes Maria Waldrast verhaftet wurde, meinte er beim Verhör, ihm sei kein Gesetz bekannt, das eine Wallfahrt verbiete. Weshalb der damals 19-Jährige – obwohl bereits auf der Liste für den Transport ins KZ – doch nicht nach Dachau kam, kommentierte er später mit diesen Worten: „Es kann sein, dass man mich lieber als Kanonenfutter für die Front verwenden wollte.“
Der Innsbrucker Paul Ladurner, der Stecher als Schüler im Bischöflichen Gymnasium Paulinum kennen gelernt hatte – die beiden verband eine tiefe Freundschaft – ist der Herausgeber des im Tyrolia-Verlag erschienenen Buches. Ihm geht es dabei nicht nur darum, dessen Erinnerungen an Naziterror und Front zusammenzufassen – „er hat ja vier Jahre die Schrecken des Kriegs erlebt“ –, sondern im Hinblick auf aktuelle Geschehnisse zu mahnen: „Stecher hat immer gemeint, wir sollten doch froh sein über die EU, dass wir in Frieden und Wohlstand leben können und in einer Demokratie. Wir werden sie nur so lange verteidigen können, solange es sie gibt.“ Der Umgang mit Menschenrechten, die Ausweisung gut integrierter Flüchtlinge müsse zu denken geben. „Bedenke das Vergangene, lerne aus der Geschichte“, zitiert Ladurner.
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