Baskische Nationalisten lehnen katalanischen Konfliktkurs ab

San Sebastian/Barcelona/Madrid (APA) - Mit riesigem Applaus und „Unabhängigkeits“-Rufen ist Kataloniens separatistischer Ministerpräsident Q...

San Sebastian/Barcelona/Madrid (APA) - Mit riesigem Applaus und „Unabhängigkeits“-Rufen ist Kataloniens separatistischer Ministerpräsident Quim Torra am Mittwochabend von rund 2.000 Personen im Kursaal der baskischen Küstenstadt San Sebastian begrüßt worden. Wenn Torra in irgendeiner Region Spaniens Sympathien für seinen Unabhängigkeitsprozess erwarten kann, dann im Baskenland. Doch werden dort derzeit eher moderate Töne angeschlagen.

Jahrzehntelang kämpften militante Basken für ihre Unabhängigkeit. Länger noch als die Katalanen. 40 Jahre lang war dieser Kampf sogar ein sehr blutiger. Rund 830 Menschen ermordete die baskische Terrororganisation ETA (Euskadi Ta Askatasuna/Baskenland und Freiheit), um ein unabhängiges Euskadi (Baskenland) zu erreichen, bevor sie 2011 ihre „bewaffnete Aktivität“ aufgab.

„Wir Katalanen und Basken müssen uns zu einer demokratischen Front zusammentun, um unsere Freiheit zu verteidigen. Zusammen sind wir stärker“, erklärte Torra vor einem begeisterten Publikum. „Unser Recht auf Selbstbestimmung ist nicht verhandelbar. Zusammen können wir die Unabhängigkeit Kataloniens und des Baskenlandes erreichen und den Autoritarismus Spaniens überwinden“, betonte Torra, um sich danach mit dem baskischen Separatistenführer Arnaldo Otegi in die Arme zu fallen.

Die Bilder aus dem Kursaal von San Sebastian täuschen jedoch über die wirkliche Situation hinweg. Torra erhielt im Baskenland nicht den Rückhalt für seinen Unabhängigkeitsprozess, den er sich gewünscht hatte. Denn weder regiert Otegis Separatistenpartei EH Bildu im Baskenland noch hat die separatistische Bürgerplattform Gure Esku Dago, welche den Akt im Kursaal veranstaltete, große Unterstützung seitens der baskischen Bevölkerung.

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Tatsache ist vielmehr: Der nationalistische baskische Regierungschef Inigo Urkullu (PNV) stellte bei einem vorherigen Treffen mit Torra in der baskischen Hauptstadt Vitoria klar, dass man nicht den Konfliktweg der Katalanen folgen werde. Mehr noch: Urkullu bat Torra, zum „Dialog“ mit der spanischen Zentralregierung von Ministerpräsident Pedro Sanchez zurückzukehren. Ein Referendum über das Selbstbestimmungsrecht oder sogar die Unabhängigkeit sei zwar legitim, sollte aber mit Madrid friedlich verhandelt werden.

Urkullu schlug seinem katalanischen Amtskollegen vor, vielmehr die Situation zu nutzen, dass die sozialistische Minderheitsregierung von Sanchez von den katalanischen und baskischen Nationalisten im Parlament abhängt, um in Spanien zunächst einmal eine „reale Plurinationalität“ zu erreichen, welche die verschiedenen Nationen innerhalb Spaniens akzeptiere. Urkullus Regionalregierung verhandelt derzeit mit Madrid vor allem über mehr Autonomierechte und ein neues Länderstatut.

„Nach dem Ende der ETA und ihrer Gewalt wünscht sich die baskische Bevölkerung Ruhe und eine konfliktfreie Autonomiepolitik. Auch ein Großteil der Separatisten im Baskenland würde sich gegen den Weg der Katalanen aussprechen. Somit werden die im Baskenland regierenden Nationalisten es nicht wagen, den katalanischen Unabhängigkeitsprozess zu kopieren“, erklärt der baskische Politologe Felix Arrieta im APA-Gespräch. Massendemonstrationen und Proteste für eine Unabhängigkeit wie in Katalonien seien im Baskenland heuer nicht vorstellbar, so Arrieta.

So wurde auch Torra bei seinem ersten Besuch im Baskenland und nach dem Gespräch mit Inigo Urkullu klar: „Das katalanische und das baskische Volk haben anscheinend nicht den selben Rhythmus, die Freiheit zu erreichen“. Nach all den Geschehnissen des vergangenen Jahres werde man sich aber nicht mehr mit mehr Autonomierechten wie im Baskenland abgeben, so Torra im Kursaal von San Sebastian.

Unterdessen bröckelt Torras separatistische Einheitsfront selbst in Katalonien weiter. Die Linksrepublikaner (ERC), bisherige Koalitionspartner, lehnten nicht nur ab, gemeinsam mit Torras und Carles Puigdemonts separatistischer Einheitsbewegung Crida bei den Europawahlen im Mai kommenden Jahres anzutreten. ERC-Fraktionssprecher Joan Tarda schlug sogar unter Ausschluss der Crida vor, dass ERC zusammen mit Oetgis baskischer EH Bildu und den galicischen Nationalisten (BNG) bei den Europawahlen antritt. Das Angebot zeigt, wie tief die Gräben derzeit zwischen den katalanischen Separatisten sind.


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