„Sterben war leichter, als über das Leben zu reden“

Carmen Hofer hat sich nach dem Suizid von Sohn Marco ihr Leben zurückerobert. Ihre bittere Trauer hat sie sich unter anderem in einer Selbsthilfegruppe von der Seele geredet. Denn: reden hilft – nicht nur Hinterbliebenen, sondern auch zutiefst Verzweifelten.

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Statistisch gesehen nehmen sich Männer dreimal öfter das Leben als Frauen. Ein Grund dafür: Frauen tun sich nach wie vor leichter, über ihre Gefühle zu reden.
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Von Gabriela Stockklauser

Innsbruck –Heute geht es Carmen Hofer wieder gut. Sie hat Frieden mit ihrer Geschichte geschlossen und mit ihrem Sohn Marco.

Der hat sich vor 15 Jahren das Leben genommen. Die Mutter des damals 29-Jährigen hat losgelassen, hat Marco gehen lassen und kann es sich dadurch heute wieder gut gehen lassen.

Das war aber nicht von Anfang an so. „Ein paar Jahre lang habe ich nicht gelebt“, sagt Carmen Hofer rückblickend. „Ich weiß heute gar nicht mehr, was da alles vor sich gegangen ist. Ich erinnere mich an nichts. Zwei Jahre sind wie ausgeblendet.“

Wahrscheinlich ein Schutzmechanismus, der dem Überleben dient, der die Situation überhaupt aushaltbar macht, sinniert die pensionierte Kindergartenpädagogin über ihren damaligen Zustand: „Funktioniert habe ich immer. Wie automatisiert. Erst gut zwei Jahre nach Marcos Suizid habe ich aber angefangen, mich damit zu beschäftigen, mich aktiv damit auseinanderzusetzen.“

Das war der Zeitpunkt, an dem sich Carmen Hofer einer Selbsthilfegruppe für trauernde Hinterbliebene angeschlossen hat. Ins Leben gerufen 1997 von Regina Seibl, selbst Betroffene, die sich später auch wissenschaftlich mit der Thematik beschäftigt hat. Sich einer Gruppe anzuschließen, war ein wichtiger Punkt und der richtige Schritt für Carmen Hofer. Denn endlich fing sie an zu reden, endlich kamen die Tränen, die so lange keinen Weg nach außen gefunden hatten: „Am Anfang war ich ja versteinert, wie gelähmt. Ich habe lange nicht geweint, konnte nicht.“

Doch als sie sich endlich öffnete, wollte ihre Umgebung nichts mehr davon hören. Hofer erinnert sich: „Aussagen wie ‚Jetzt ist es eh schon so lange her‘ haben mich dann richtig wütend gemacht! Ich habe mich völlig unverstanden, nicht wahr- und ernstgenommen gefühlt.“ Trotz des völligen gesellschaftlichen Unverständnisses hat Carmen Hofer jedoch erst einmal weitergemacht. Ist ihrem Beruf nachgegangen wie bisher. Hat ihren Alltag, immer noch weitgehend im Funktionsmodus, bewältigt.

Bis es mit ihrem damaligen Umfeld nicht mehr ging und sie etwas verändern musste: „Irgendwann konnte ich nicht mehr so tun, als sei nichts, als wäre alles schon verdaut und wieder in bester Ordnung. Obwohl mir keiner bewusst etwas Böses wollte, habe ich dann meine Arbeitsstelle gewechselt, mich von manchen Freunden und Bekannten distanziert. Mit gewissen Menschen konnte ich nicht mehr zusammen sein.“

Der Suizid ihres Sohnes und der schließlich eingeschlagene Bewältigungsprozess habe sie verändert, so die Kindergartenpädagogin. Ihr einstiges Umfeld konnte da nicht mit.

Intensiv hat Carmen Hofer begonnen, an sich selbst und am Familiensystem zu arbeiten. Zur Selbsthilfegruppe kamen Familienaufstellungen und zahllose Gespräche hinzu, nicht zuletzt die nächtelangen mit ihrem Mann: „Der hat zwar völlig anders getrauert als ich, aber geredet haben wir immer. Das hat uns zusammengeschweißt.“

Keine Selbstverständlichkeit, denn viele Beziehungen und Partnerschaften würden an einem so einschneidenden Ereignis zerbrechen, so Regina Seibl, die heute bei Pro Mente Tirol und SUPRA (Suizidprävention Austria) tätig ist.

Sei es aufgrund der entstehenden Fassungs- und daraus resultierenden Sprachlosigkeit, sei es wegen eines völlig unterschiedlichen Trauerverhaltens. Wiewohl es ein „richtig“ oder „falsch“ diesbezüglich nicht gebe, sagt Seibl: „Jeder Mensch trauert eben anders, hat unterschiedliche Strategien und Modi der Bewältigung. Ein Patentrezept, das jedem hilft, gibt es nicht. Jeder sollte in sich hineinspüren, was ihm in welcher Situation guttut.“ Man dürfe ausprobieren und experimentieren und auch einmal „Nein“ sagen, wenn etwas nicht dem eigenen Bedürfnis entspreche, so auch Hofer.

Carmen Hofer hat sich so – auf ihre Weise – das eigene Leben zurückerobert: „Heute bin ich glücklich, kann das Leben wieder genießen. Mit der aktiven Auseinandersetzung, dem Reden und den Tränen kam der Punkt, an dem mir bewusst geworden ist, dass ich nichts ungeschehen machen kann. Ich habe mir gesagt, dass es Marco gutgeht, dort, wo er jetzt ist, und so meinen Frieden geschlossen. Ich wollte nicht mehr nur funktionieren, ich wollte zurück ins Leben!“

Es ist ihr gelungen. Die ehemalige Kindergartenpädagogin strahlt Lebensfreude aus, redet reflektiert, gefasst und würdevoll über ihren toten Sohn und ihr Leben und Lernen nach seinem Suizid. Wiewohl sie am Anfang auch oft wütend auf Marco war.

Auf ihren Sohn, den 29-jährigen, zweifachen Familienvater, der nach außen immer so stark zu sein schien. Der seine Männlichkeit, muskelbepackt, stets zur Schau gestellt hatte. „Ein Trugbild, um etwas zu kompensieren“, wie Marcos Mutter heute weiß, „er hat ja immer gesagt, dass es ihm gutgeht. Aber im Licht des Selbstmordes ist mir schon klargeworden, dass seine vielen Krankheiten, seine Unfälle und die unspezifischen Symptome Hinweise darauf waren, dass es seiner Seele nicht gutging.“

Das Ausmaß von Marcos Not konnte indes niemand erahnen. Weil er nicht geredet hat, weil er nicht reden wollte. Weil er seinen Körper stählte, im Irrglauben, damit sein Seelenleid lindern zu können. „Im Nachhinein verstehe ich auch, warum Marco immer so rasant gelebt hat, so einen Stress hatte. Schon mit 20 Jahren geheiratet, bald darauf zwei Kinder bekommen hat. Er wollte wohl so viel Leben wie möglich in seine wenigen Jahre packen“, sinnt Carmen Hofer nach. Und: „Er war ein ewig Suchender, der aber nie die Erfüllung gefunden hat.“

Bis ihm wohl alles zu viel geworden sei, er die frühe Verantwortung, sein rasendes Leben nicht mehr tragen konnte. Und es ihm schließlich leichter gefallen zu sein schien, sich das Leben zu nehmen, als über seine Verzweiflung zu reden.

Wobei es genau das wäre, was in Bedrängnis und Ausweglosigkeit so wichtig ist, sagt Regina Seibl: „Bei Menschen, die vor einem Suizid stehen, verengt sich der Blick so sehr, dass es letztlich keinen anderen Ausweg mehr zu geben scheint. Man muss ihnen die Möglichkeit bieten, sich zu öffnen. Perspektiven und Alternativen aufzeigen.“

Deshalb sollte man sich auch nicht scheuen, offen anzusprechen, wenn sich Verhalten und Wesen von geliebten oder bekannten Menschen in der Umgebung verändern würden, so Seidl: „Man sollte sich da auch nicht abwimmeln lassen mit einem ‚passt eh‘, durchaus beharrlich sein, wenn man Beobachtungen macht, dass sich jemand etwa zusehends isoliert.“ Scheut der Betroffene das Gespräch mit Nahestehenden, sei es auch ein gangbarer Weg, Infomaterial zu besorgen und etwa Expertenhilfe anzubieten.

Reden hilft also. „Auch das vermeintlich starke Geschlecht sollte sich in der Not unbedingt Hilfe suchen“, rät Regina Seidl nachdrücklich.

„Nach Marcos Suizid musste ich mir das Leben erst wieder zurückerobern. Heute genieße ich es wieder.“
© Stockklauser

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