Verunsicherung unter Auslandsbriten wegen Brexit: „Darf ich bleiben?“

Wien (APA) - Könnte es sein, dass ich nach dem Brexit Österreich verlassen muss? Wird mein roter britischer Pass nach dem 29. März noch gült...

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Wien (APA) - Könnte es sein, dass ich nach dem Brexit Österreich verlassen muss? Wird mein roter britischer Pass nach dem 29. März noch gültig sein? Und was ist, wenn ich mit meinem österreichischen Mann in ein paar Jahren zurück nach Großbritannien ziehen will? Diese und viele andere Fragen beschäftigen Auslandsbriten, die am Montagabend an einer Informationsveranstaltung ihrer Botschaft in Wien teilnahmen.

Denise zum Beispiel lebt seit 58 Jahren in Österreich. „Ich bin als Kleinkind hergekommen, habe aber immer die britische Staatsbürgerschaft behalten, weil der Rest meiner Familie noch in England ist, und das ist sozusagen meine Connection.“ Sie habe „zwei Heimaten“, sagt sie: „Österreich ist eine Heimat, England ist meine andere Heimat.“

Vom Herzen her sei sie „immer eine Europäerin“ gewesen, „und im Grunde war mir das mit den Staatsbürgerschaften eigentlich wurscht“, beschreibt Denise. Jetzt fragt sie sich allerdings, ob sie künftig vielleicht eine Aufenthaltsbewilligung brauchen wird und wie es mit ihrem Wahlrecht weitergeht, das sie momentan zumindest in ihrem direkten Umfeld wahrnehmen kann. „Ich darf jetzt den Gemeinderat wählen - darf ich das dann noch?“

Vertreter der britischen Botschaft in Wien und des Brexit-Ministeriums in London versuchen nach Kräften, die vielen Fragen aus dem Publikum zu beantworten. Vieles lässt sich allerdings auch wenige Monate vor dem Austrittsdatum noch nicht mit Sicherheit sagen.

Botschafter Leigh Turner beschreibt eingangs ausführlich, was die zwischen Großbritannien und der Europäischen Union jüngst erzielte Vereinbarung für Auslandsbriten in anderen EU-Staaten vorsieht, und dann, was ein No-Deal-Szenario bedeuten könnte. Denn noch ist völlig unklar, ob das Austrittsabkommen überhaupt ratifiziert wird - was, wenn die britischen Abgeordneten am 11. Dezember dagegen stimmen?

„Es ist natürlich der Fall, dass viele Auslandsbriten hier in Österreich ein bisschen verunsichert sind vom Brexit“, sagt der Botschafter nach der Veranstaltung zur APA. „Im Allgemeinen glauben sie, dass ihre Lage relativ okay sein wird, wenn es eine Vereinbarung gibt. Sie machen sich aber Sorgen, was passieren wird, wenn es keine Vereinbarung gibt. Und ich sage immer, dass Großbritannien klargemacht hat, dass, auch wenn es einen No-Deal-Brexit gibt, die EU-27-Mitbürger in Großbritannien bleiben können, und wir würden das auch sehr gerne von den österreichischen Behörden laut und klar hören.“

Es gebe verschiedene Arten von Sorgen - die „Hauptsorge“ sei vor allem, dass man nicht in Österreich bleiben können werde, schildert Turner. Die Botschaft sage dann, „wenn es einen Deal gibt, werden sie natürlich das Recht haben, hierzubleiben, wenn es keinen Deal gibt, sind wir fast sicher, dass die österreichische Regierung ihnen das Recht geben wird, hierzubleiben. Wir können das nicht zu 100 Prozent sagen, aber wir glauben, dass es so sein wird. Das ist eine große Sache, und wir können ein Maß an Sicherheit bringen.“

Bei anderen, kleineren Fragen gehe es etwa um die Erneuerung von Pässen oder Führerscheinen, „und da können wir auch Informationen geben. Und vor allem sagen wir den Leuten, sie sollen ihr Recht auf Aufenthalt in Österreich jetzt sicherstellen“ - indem sie angemeldet seien bei den österreichischen Behörden, „und wenn sie schon seit fünf Jahren hier gewesen sind, sollen sie sich für eine Bescheinigung des Daueraufenthaltes melden“.

Zwischen 10.000 und 11.000 Briten leben in Österreich, und manche denken nun darüber nach, österreichische Staatsbürger zu werden - so zum Beispiel Rachel. „Alles in allem habe ich 15 Jahre in Österreich gelebt“, erzählt sie. „Ich fühle mich sehr europäisch und auch ziemlich österreichisch. Und dann gesagt zu bekommen, ab einem bestimmten Datum bedeutet ein britischer Pass, dass man nicht mehr EU-Bürger ist - ich hasse dieses Gefühl.“ Seit dem Referendum habe sie auf konkrete Informationen gewartet, was das nun bedeute. Die Informationsveranstaltung sei hilfreich gewesen, sagt sie - „das Konkreteste, was ich bisher gehört habe“, aber „viele Dinge wissen sie nicht, können sie gar nicht wissen“, meint sie.

Duncan ist bereits einen Schritt weiter: „Mein Antrag auf die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft läuft schon“, sagt er. Warum er sich dafür entschieden habe? „Erstens bin ich schon 45 Jahre weg von England, zweitens will ich kein Staatsbürger eines Drittlandes sein oder werden, das möchte ich auf keinen Fall.“

Ein Mann aus dem Publikum spricht aus, was trotz allem offenbar viele hier hoffen: Abkommen oder kein Deal, das seien zwei denkbare Varianten. „Es gibt natürlich eine dritte Option, den besten Brexit“ - nämlich „kein Brexit“. Da applaudieren viele.


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