Wo Israel auf Tuchfühlung mit dem Gazastreifen geht

Ashkelon (APA) - Sieben Sekunden bleiben Raz Shmilovich, um sich bei Raketenalarm in Sicherheit zu bringen. Der 42-Jährige lebt in Nativ Haa...

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Ashkelon (APA) - Sieben Sekunden bleiben Raz Shmilovich, um sich bei Raketenalarm in Sicherheit zu bringen. Der 42-Jährige lebt in Nativ Haasara, der dem Gazastreifen am nächsten gelegenen israelischen Ortschaft. Wegziehen kommt nicht infrage, der Verbleib ist Bürgerpflicht. Früher seien andere Landesteile von Raketenbeschuss und Anschlägen betroffen gewesen, sagt Shmilovich. „Jetzt bin halt ich an der Reihe.“

Der vierfache Familienvater zeigt auf den nur einen Steinwurf entfernten Wachturm der radikalislamischen Hamas, die den Gazastreifen beherrscht und ihre Angriffe auf Israel in den vergangenen Monaten wieder intensiviert hat. Terrorismus sei „Mobbing für Erwachsene“, dem man nicht nachgeben dürfe, betont Shmilovich. „Ich bin immer noch stark genug, um hier zu bleiben.“ Es klingt, als wolle er sich Mut zusprechen.

Denn Raz Shmilovich zeigt auch eine rostige Kassam-Rakete her, die einmal unter seinen Augen auf einem Feld der landwirtschaftlichen Kooperative gelandet ist. Er berichtet von schlaflosen Nächten und Flashbacks. Er spricht von seinem Sohn, der wegen des Stress psychische Probleme bekommen hat. Er erzählt von seiner Frau, die im Fernsehen gesagt habe, dass sie schon vor Jahren weggezogen wäre, wenn das nicht das Ende ihrer Ehe bedeutet hätte.

Dabei tut man in Nativ Haasara alles, um das Risiko zu minimieren. 40 Personen seien für den Schutz des von 800 Menschen bewohnten Ortes abgestellt, sagt Shmilovich. Rund um das weitläufige Gelände mit Landwirtschaftsflächen verläuft ein Stacheldrahtzaun, der mit einem elektronischen Bewegungsmelder versehen ist. Wenn ein Attentäter den Zaun überwinde, „haben wir noch 45 Sekunden Zeit, bis er die Häuser erreicht“. Als eine Art natürlicher Puffer dienen auch die Glashäuser, die bis ganz an die Grenze des Gazastreifens heranreichen. Überall in der Siedlung finden sich auch massive Unterstände für den Raketenbeschuss.

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Wenige Kilometer südöstlich von Nativ Haasara ist die Grenze zum Gazastreifen praktisch offen. Eine junge israelische Soldatin zeigt auf ein weites Feld mit einem niedrigen Zaun, „den jeder überwinden kann“. Die israelische Armee wird dort seit Monaten regelmäßig vorgeführt. „Kennen Sie Tom und Jerry? Genau das ist es“, vergleicht sie die jeden Montag und Freitag stattfindenden Massendemonstrationen mit einem Katz-und-Maus-Spiel. Die Hamas organisiere die Proteste, schicke Kinder und Frauen vor, um zivile Todesopfer zu provozieren. Bis auf einen Meter kommen die Demonstranten an die Soldaten heran, würden sie beschimpfen und mit Gegenständen bewerfen. „Wir schießen nicht auf unschuldige Menschen“, beteuert die Soldatin. Für sie und ihre Kollegen sei die Situation sehr belastend.

Erst in zwei Jahren soll in diesem Abschnitt der Grenze eine drei Meter hohe Betonmauer Zusammenstöße nachhaltig verhindern. Das Bauwerk soll sogar 70 Meter in die Tiefe reichen, bis zum Grundwasser, um Tunnelbauabsichten der Hamas einen Riegel vorzuschieben. Doch auch das könnte die israelfeindliche Bewegung propagandistisch ausschlachten. Jedes Stück Beton an der Grenze stützt nämlich die Erzählung vom „Freiluftgefängnis“ Gazastreifen.

Ganz anders die Lage am südöstlichsten Zipfel des Gazastreifens. Beim israelischen Grenzübergang Kerem Shalom ist es fast idyllisch. Wenn man zu Ami Shaked will, kommt man an einer großen Voliere vorbei, in der Singvögel um die Wette trällern. Der drahtige Mann mit Schildkappe und Pferdeschwanz ist sichtlich entspannt, als er seine österreichischen Besucher in seinem Container empfängt. Nur ein Schrein mit rostigen Metallteilen in der Ecke verrät, dass der Himmel über Kerem Shalom nicht immer blau ist. „Geschenke von IS und Hamas“, nennt der Direktor des Grenzpostens die ausgestellten Raketen- und Granatenteile zynisch.

Doch Shaked will eine andere Botschaft loswerden. Er möchte den Besuchern zeigen, wie sehr Israel die Bevölkerung des Gazastreifens am Herzen liegt. „Wir wissen, wie sehr sie leiden. Wir wollen den unschuldigen Menschen des südlichen Gazastreifens dienen“, beteuert er. Mehrere hundert Lastwagen lasse Israel täglich durch, was einen Großteil des Bedarfs des fast vollständig auf Importe angewiesenen Küstenstreifens abdecke. Dazu kämen 500.000 Liter Dieselöl, mehr als für das Betreiben der Stromgeneratoren benötigt werde. Immerhin 40 Lastwagen sind in die Gegenrichtung unterwegs, hauptsächlich mit Gemüse, Obst, Textilien und Möbelstücken aus dem Gazastreifen beladen.

Für den Warenverkehr gebe es keine Beschränkungen, selbst Güter, die auch militärisch eingesetzt werden können (wie Chemikalien oder Schwermetalle), lasse man passieren, versichert Shaked. Freilich gebe es auch strikte Kontrollen mit Spürhunden, in Laboratorien und mit Scannern, um verbotene Güter auszusondern. „Wir finden täglich etwas“, sagt er, ohne ins Detail zu gehen.

Oberste Priorität hat freilich die Sicherheit Israels. „Niemand sollte sterben, wenn er Schokolade in den Gazastreifen liefert“, betont Shaked, der bis zum Gaza-Abzug im Jahr 2005 Sicherheitskoordinator der dortigen jüdischen Siedlungen gewesen war. Seine bisher zehn Jahre als Chef des Grenzübergangs seien aber die bisher erfolgreichsten seiner Karriere gewesen. „Ich hatte schon viele Missionen, aber das ist die erste, bei der ich niemanden verloren habe und auch niemanden töten musste“, sagt der pensionierte Beamte, der seinen aktuellen Job als „Hobby“ bezeichnet.

Das Erfolgsrezept ist komplette Abschottung. In Kerem Shalom wird jeglicher Kontakt zwischen Israelis und Palästinensern unterbunden. Dazu dienen 30 Freiluftareale, die jeweils von hohen Betonmauern umgeben sind. Palästinensische Lastwagen dürfen erst hinein, wenn die israelischen Lkw nach dem Ausladen wieder weggefahren sind - - und umgekehrt. Auf Hamas-Territorium gelangt man nur über eine mehrere hundert Meter breite Pufferzone.

70 Palästinenser arbeiten für Shaked, doch sie werden täglich eingehend kontrolliert. „Vertrauen ist hier nicht Teil des Spiels“, sagt er trocken. „Ich trinke jeden Tag in der Früh meinen Kaffee mit ihnen, aber ich weiß auch, dass sie mich vielleicht morgen erschießen werden - oder ich sie.“

In Nativ Haasara ist es schon Nachmittag, der Schulbus fährt ein. Ein Volksschulmädchen steigt aus und geht an dem bunt bemalten Raketenbunker vorbei ins Dorf. „Wenn wir uns das nächste Mal sehen, werden schon 70 Familien mehr hier leben“, verabschiedet Raz Shmilovich seine Besucher in den strahlenden Dezembernachmittag.

Düster ist seine Prognose, was den Nahost-Konflikt betrifft. „Ich glaube nicht an den Frieden“, sagt Shmilovich. Koexistenz sei das Maximum, das man erreichen könne. „So lange deine Nachbarn nichts zu verlieren haben, bist du in einer schlechten Position“, spielt er auf die hoffnungslose Lage jenseits der Grenzmauer.

Auch Grenzmanager Ami Shaked glaubt nicht an einen baldigen Frieden. „Ich lebe im Bewusstsein, dass ich die meisten Dinge nicht ändern kann. Wir haben Gaza verlassen, aber Gaza hat uns nicht verlassen“, kritisiert er die Abzugsentscheidung vor zwölf Jahren, für die beide Seiten noch heute den Preis zahlten. „Die ganze Region leidet darunter“, so Shaked. Ob er dennoch Licht am Ende des Tunnels sehe? Der israelische Beamte antwortet ausweichend, aber doch eindeutig: „Ich brauche kein Licht, weil meine Waffe ein Nachtsichtgerät hat.“

(Die Besuche wurden vom israelischen Außenministerium organisiert)


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