Konflikt um Ressourcen in Nigeria könnte Boko Haram stärken

Abuja/Wien (APA) - Während über die Anschläge und Entführungen durch Boko Haram auch in westlichen Medien regelmäßig berichtet wird, wird ei...

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Abuja/Wien (APA) - Während über die Anschläge und Entführungen durch Boko Haram auch in westlichen Medien regelmäßig berichtet wird, wird ein anderer Konflikt, der Nigeria in Atem hält, nur wenig beachtet. Es ist ein Konflikt um Land und Ressourcen in Zentralnigeria, der bereits mehr Menschenleben forderte als Boko Haram-Angriffe - und er droht zu eskalieren. Von der Unsicherheit könnte die Terrormiliz profitieren.

Der Konflikt im „Middle Belt“, das Zentrum Nigerias, das eine Art Pufferzone zwischen dem islamisch geprägten Norden und dem christlichen Süden darstellt, schwelt bereits seit Jahrzehnten. Muslimischen Viehhaltern (Fulbe/Fulani), die oft nomadisch leben, stehen nicht zuletzt aufgrund des Klimawandels immer weniger Weiden zur Verfügung, auf denen ihre Tiere grasen können. Sie ziehen deshalb vermehrt gen Süden und geraten damit in die Gebiete der christlich geprägten Bauern, die mehrheitlich der Berom-Volksgruppe angehören.

„Je länger der Konflikt andauert, desto größer ist auch die Rolle, die Religion spielt“, sagt der Pastor Ahuche Peter Zaka im Gespräch mit der APA. Das rasante Bevölkerungswachstum, die damit verbundene steigende Arbeits- und oft Perspektivenlosigkeit und natürlich die voranschreitende Klimaerhitzung mit ihren verheerenden Folgen auf die Tschadsee-Region tun ihr Übriges. Angeheizt wird der Konflikt aber auch durch die fehlende strafrechtliche Verfolgung von Tätern. „Staatliche Stellen haben versagt, die Polizei macht nicht das, wozu sie da ist“, so der frühere Vorsitzende der Christian Association of Nigeria. Und wenn niemand zur Rechenschaft gezogen wird, greifen die Menschen mehr und mehr zu Selbstjustiz. Spätestens hier kommt Boko Haram ins Spiel.

Die radikal-islamische Terrormiliz, die vom Norden Nigerias aus operiert, macht sich die Verzweiflung der Bevölkerung zunutze. „Es gibt Kinder, die miterlebt haben, wie ihre Eltern umgebracht wurden. Jetzt kommt Boko Haram und sagt: Du willst Rache? Ich zeige dir, wie du Rache üben kannst!“, schildert Zaka die Strategie der Islamisten.

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Auch für Latana Bako Abdullahi, Expertin für Friedensbildung aus der zentralnigerianischen Stadt Jos, birgt der Einfluss von Boko Haram auf den Ressourcenkonflikt im Zentrum des Landes eine große Gefahr. Derzeit gebe es keine Beweise dafür, dass die muslimischen Viehzüchter in irgendeiner Art und Weise mit Boko Haram verbunden sind. Doch sehe sie „auf jeden Fall das Potenzial“, dass diese beiden Gruppen eine Allianz bilden, „und dann stehen uns wirklich harte Zeiten bevor“, prophezeit Abdullahi. Neben der Religion gebe es bereits jetzt auch geografische Überschneidungen.

Die Friedensaktivistin glaubt zudem, dass der Konflikt auch auf andere Länder in der Region übergreifen könnte. Viehzüchter aus der Tschadsee-Region - Tschad, Niger und Kamerun - könnten sich etwa solidarisch erklären und mit den Fulani verbünden. Generell ist die Lage für Menschen, die von der Landwirtschaft abhängig sind, in der Region um den Tschadsee dramatisch - das Gewässer ist von einer Größe von 22.000 Quadratkilometern im Jahr 1960 auf aktuell weniger als 1.500 Quadratkilometer geschrumpft.

Hoffnung gibt Pastor Zaka und der Friedensexpertin Abdullahi ein Programm des in Wien ansässigen, hierzulande allerdings nicht unumstrittenen „König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ (KAICIID). So hat das KAICIID Plattformen für interreligiösen Dialog zwischen den jeweiligen religiösen Führern (Interfaith Dialogue Forum for Peace/IDFP) initiiert. Es sei schon viel in Gang gesetzt worden, „aber es ist eben ein sehr langsamer Prozess. Und wir brauchen noch viel mehr helfende Hände“, betont Abdullahi. Und der Dialog müsse auf alle Ebenen ausgeweitet werden - vor allem auf die gesellschaftlich marginalisierten Gruppen, und hier insbesondere auf Frauen.

Abseits dieses Projektes gibt es für den Konflikt aber nur wenig internationale Aufmerksamkeit, wenngleich Afrika seit der „Flüchtlingskrise“ 2015/2016 wieder stärker in den Fokus der EU gerückt ist. Warum Europa ein Interesse an dem Konflikt in Nordost-Nigeria haben sollte? „Es ist ganz einfach“, erklärt Abdullahi, „wenn immer mehr Menschen in Unsicherheit leben, vertrieben werden, werden auch mehr Menschen versuchen, Richtung Europa zu fliehen, um dort um Asyl anzusuchen“, begründet auch sie. Und natürlich habe die internationale Gemeinschaft die Pflicht, bei Menschenrechtsverletzungen nicht wegzusehen.

Es gehe darum, die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen, denn die Umstände, unter denen die Menschen in den betroffenen Gebieten lebten, seien verheerend, erzählt Zaka. „Wenn die Leute weiterhin unter diesen Umständen leben, werden sich die Konflikte verschärfen. Und wenn der Friedensprozess nicht rasch in Gang gesetzt wird, sehe ich für 2019 schwarz. Dann wird 2019 ein Jahr voller Hunger und Wut.“ Grundsätzlich wollten alle Beteiligten Frieden, „alle sind des Konfliktes schon müde“, sagt der Pastor. Aber: „Ein hungriger Mann ist ein wütender Mann. Und davor fürchte ich mich.


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