Theater der Jugend: „Der kleine Lord“ mit dem großen Herzen

Wien (APA) - Postdramatischem Schnickschnack geht man im Theater der Jugend aus dem Weg. Dort setzt man heuer ganz besonders auf Romandramat...

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Wien (APA) - Postdramatischem Schnickschnack geht man im Theater der Jugend aus dem Weg. Dort setzt man heuer ganz besonders auf Romandramatisierungen und hat nun in der Vorweihnachtszeit „Der kleine Lord“ von Frances Hodgson Burnett auf die Bühne gebracht. Regisseur Gerald Maria Bauer hat den 1886 erschienenen Kinderbuchklassiker vorsichtig entstaubt. Keine Theaterrevolution, aber eine Geschichte mit Herz.

Als sein eigener Bühnenbildner zaubert Bauer den denkbar größten sozialen Gegensatz auf die Bretter des Renaissancetheaters: Ein kleiner Drugstore und eine winzige Mansardenwohnung in Brooklyn sowie - ganz ohne große Umbauten - ein veritables schottisches Schloss. Auf diesem wohnt der Earl of Dorincourt (Florian Stohr gibt einen echten Griesgram im Rollstuhl, der erst mit der Zeit menschliche Züge bekommt) und wünscht, seinen einzigen Enkel und künftigen Alleinerben um sich zu haben. Doch Cedric (Niklas Doddo versucht nach Kräften, einen normalen, liebenswerten Buben zu spielen) ist ein waschechter Yankee, der sich mit seinen Kumpels, seiner Mama (Pia Baresch) und seinem väterlichen Freund, dem linken Gemischtwarenhändler Hobbs (Frank Engelhardt) in New York an sich recht wohlfühlt.

Bauer baut ein paar aktuelle Anspielungen (Cedric träumt davon, Präsident der USA zu werden) und ein paar britisch-amerikanische Aversionen ein, die sich dem Zielpublikum möglicherweise nicht ganz erschließen (die Vorstellung ist ab 6 Jahren empfohlen), konzentriert sich ansonsten aber ganz auf das soziale Engagement des jungen Lords. Dem Diktum des Opas „Wer arm ist, ist meistens auch faul“, hält der junge Menschenfreund eigene Erfahrungen entgegen und kontert mit: „Wozu hätte man Geld, wenn man damit nichts Gutes tut?“ Hier bietet das Stück, das bei der gestrigen Premiere viel Applaus erhielt, zweifellos einige Anknüpfungspunkte für die Gegenwart. Zum Thema Sozialabbau hat „Der kleine Lord“ tatsächlich einiges zu sagen.

Am Ende ist es dann doch vor allem die Kriminalstory rund um den scheinheiligen, doch oberfiesen Diener (Matthias Mamedof) und seine Komplizin (Aline-Sarah Kunisch), von der die jungen Zuschauer gepackt werden. Zum Schluss überrascht Bauer mit einem Brexit der anderen Art: Als der kleine Lord wieder heim nach Brooklyn will, packt sich der geläuterte und wieder abenteuerlustige Großvater kurzerhand zusammen und kommt mit. Der US-Präsident kann sich schon mal warm anziehen.

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(S E R V I C E - „Der kleine Lord“ nach Frances Hodgson Burnett von Gerald Maria Bauer und Sebastian von Lagiewski, Regie und Bühne: Gerald Maria Bauer, Kostüme: Andrea Bernd, Theater der Jugend, Renaissancetheater, ab 6 Jahren, Vorstellungen bis 20.1.2019, Karten & Info: 01/521 10, www.tdj.at)

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen unter www.tdj.at/tdjpresse zum Download bereit.)


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