„Die Weiden“-Regisseurin: „Wichtig, dass es nicht lauwarm daherkommt“

Wien (APA) - Acht Jahre ist es her, dass mit Aribert Reimanns „Medea“ zuletzt an der Wiener Staatsoper eine Uraufführung erklang. Nun folgt ...

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Wien (APA) - Acht Jahre ist es her, dass mit Aribert Reimanns „Medea“ zuletzt an der Wiener Staatsoper eine Uraufführung erklang. Nun folgt Johannes Maria Stauds „Die Weiden“ - ein Werk, das der 44-Jährige mit dem Lyriker Durs Grünbein als dritte gemeinsame Oper erarbeitet hat. Als Dirigent der Neuproduktion wurde Ingo Metzmacher gewonnen, während Andrea Moses für die Regie verantwortlich zeichnet.

Die 1972 geborene Dresdnerin sprach mit der APA über die Gefahr hermetischer Systeme im zeitgenössischen Musiktheater, eine neue Blütezeit für politisch-prononciertes Theater und darüber, weshalb die Oper für sie zeitaufwendiger als das Schauspiel ist.

APA: Sie werden als Uraufführungsregisseurin von „Die Weiden“ das Bild der Oper zentral mitprägen - und das, obwohl Sie in der Vorbereitung ja über weiter Strecken die Musik nicht kannten...

Andrea Moses: Man freut sich auf das Orchester, das naturgemäß sehr spät zum Probenprozess dazukommt, da das Klavier, das die szenischen Proben begleitet, alle Informationen, die in der Partitur stecken und die man beim Inszenieren braucht, nicht darstellen kann. Deshalb muss man sich im Vorfeld auch unglaublich genau vorbereiten. Aber es war schön zu erleben, wie ich aus dem musikalischen Erfahrungsschatz aus zweieinhalb Jahren Zusammenarbeit mit Durs Grünbein und Johannes Maria Staud inszenieren konnte, ohne die Musik bereits gehört zu haben.

APA: Haben Sie größere Freiheiten als Regisseurin einer Uraufführung, weil es keinen Vergleich gibt, oder ist der Druck, der auf Ihnen lastet, höher?

Moses: Interessanterweise fragt man sich so etwas nicht. Das macht man eher bei Interpretationen, bei denen man neben allen Hintergründen des Entstehens, der Zeit des Komponisten, des Textdichters, der gewählten Geschichte auch die Aufführungsgeschichte kennen muss, um das Zeitgenössische aus dem Werk herauslesen zu können. Bei dieser speziellen Uraufführung sind Zeitgenossen am Werk, die das gewählte Thema brennend interessiert und verbindet. Ich war so involviert in den Entstehungsprozess und das gemeinsame Bestreben, dieses Stück auf die Bühne zu bringen, dass ich die Freiheit, ein neues Baby mit aus der Taufe zu heben, genieße und das Risiko nicht scheue.

APA: Sie waren von Anfang in die Entstehung der „Weiden“ eingebunden. Was war Ihre Rolle im Arbeitsprozess?

Moses: Grünbein und Staud hatten die Grundidee der Reise auf einem Strom und wollten dabei einen Kommentar zur Zeit entwickeln - eine Zeit, die uns alle ja immer mehr beschäftigt. Aber eine Reise auf einem Strom für die Opernbühne zu konzipieren, ist eine wirkliche Herausforderung für alle! Wir haben dann viel über Figuren und deren Entwicklung gesprochen, und ich habe ihnen aus meiner theaterpraktischen Sicht Rückmeldungen gegeben. Vielleicht war meine Hauptaufgabe in der Zusammenarbeit mit dem brennglasscharf beobachtenden Lyriker Durs Grünbein, den Figuren glaubhafte und nachvollziehbare psychologische Prozesse zu geben. Komplexe Bilder, Kommentare und lyrische Kompressionen in szenische Vorgänge auszuweiten. Im zeitgenössischen Bereich ist ja genau das die Gefahr, dass sich hermetische Systeme präsentieren, zu denen man keinen Zugang bekommt, weil nicht sinnlich nachvollziehbar erzählt wird.

APA: In Ihrer Inszenierung gehen Sie nun den Weg vom Naturalismus eines Liebespaares zum parabelhaften Appell?

Moses: Solange man Appell nicht als moralischen Zeigefinger missversteht, bin ich vollkommen d‘accord. Das individuelle Schicksal der Liebenden wird benutzt, um das Unterste zuoberst zu kehren. Es geht vom Realen ins Symbolische, Überzeichnete, um ins Ideale zu münden. Das ganze Projekt ist dialektisch gedacht und kreist um das Diktum „Leute, seid wachsam!“. Über diese Wachsamkeit müssen wir derzeit alle dringend nachdenken.

APA: Wie sehr spielt für „Die Weiden“ die emotionale Bindung der Zuschauer eine Rolle?

Moses: „Die Weiden“ haben das Potenzial zur Distanzierung wie zur Identifikation. Man kann sich mit Grauen abwenden und behaupten: Das stimmt nicht, ihr Künstler übertreibt in eurer Sensibilität wieder. Oder man kann sich hineinempfinden und genau zuhören.

APA: Sehen Sie allgemein die Zeit für eine wieder politischere Kunst gekommen?

Moses: Es ist höchste Eisenbahn, dass sich die Künstler wieder prononcierter gesellschaftlich relevanten Stoffen, sozialen Themen und politischen Fragestellungen zuwenden. Natürlich muss man aufpassen, nicht zu plakativ und moralisierend zu werden. Aber letztlich ist nur wichtig, dass es nicht lauwarm und unentschieden daherkommt. Nicht ohne Grund geht es auch in den „Weiden“ um Entscheidungen, um genau zu sein, darum, ob man mitschwimmt, um am Ende vielleicht überrascht aufzuwachen angesichts neuer Barbarei oder ob man sich frühzeitig verhält. Es geht um das Aufzeigen schleichender Prozesse, die die einen derzeit begrüßen und ersehnen und die anderen fürchten. Um historisches Bewusstsein. Insofern rechne ich bei unserem Stück mit einer ganzen Variantenbreite an Reaktionen - und nicht mit einhelliger Begeisterung.

APA: Gab es in dieser Hinsicht während der Arbeit Bruchlinien zwischen Ihnen beiden Ostdeutschen und dem Österreicher Johannes Maria Staud?

Moses: Es gab unendlich viele Diskussionen über unsere unterschiedlichen Standpunkte zu vielen Fragen, aber das waren weitgehend ästhetische Fragen, natürlich entstanden die aus unseren sehr unterschiedlichen Lebens- und Kunsterfahrungen. Johannes ist von uns Dreien derjenige, der die Dinge am direktesten anspricht - vielleicht, weil die Entwicklung in Österreich schon viel länger läuft. Die deutsch-deutschen Verwerfungen, die jetzt, nach der sogenannten Flüchtlingskrise wieder aufleben, überraschen uns in ihrer Dimension und es gibt viele Blickwinkel, Ambivalenzen, Zweifel, Erkanntes, Unerkanntes und Widersprüche dabei - alles zusammen geht ein in unseren Abend.

APA: Sie haben lange auch Schauspiel inszeniert, mittlerweile sind Sie bei der Oper gelandet. Aus persönlicher Präferenz?

Moses: Eine Oper muss man ganz anders vorbereiten, was viel zeitaufwendiger ist. Beim Schauspiel ist man viel freier und kann mit den Schauspielern auch mal auf eine Probe gehen, ohne dass man eine Idee hat. Eine Oper ist hingegen ein sehr vielgestaltiger Organismus, schon allein durch die vielen Menschen, die an der Produktion beteiligt sind und zusammenfinden müssen. Sänger sind dankbar, wenn man sie wie Schauspieler behandelt, obwohl sie schon genug damit zu tun haben, die komplizierten musikalischen Herausforderungen zu bewältigen. Die wissen und vertrauen darauf, dass man als Regisseur mit dem Stoff extrem vertraut ist. Im Schauspiel ist das egalitärer. Ich liebe die Oper, weil sie einfach das klassische Gesamtkunstwerk ist: Man weiß schon im Vorfeld, dass die Musik Emotionalität transportiert, auf die man immer setzen kann und die man nicht künstlich und mit Gewalt herbeizaubern muss.

(S E R V I C E - „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud und Durs Grünbein, Uraufführung an der Wiener Staatsoper, Dirigent: Ingo Metzmacher, Regie: Andrea Moses, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Kathrin Plath, Licht: Bernd Purkrabek. Mit Rachel Frenkel - Lea, Tomasz Konieczny - Peter, Thomas Ebenstein - Edgar, Andrea Carroll - Kitty, Sylvie Rohrer - Fernsehreporterin, Udo Samel - Krachmeyer, Monika Bohinec - Leas Mutter, Herbert Lippert - Leas Vater, Donna Ellen - Peters Mutter, Alexandru Moisiuc - Peters Vater, Wolfgang Bankl - Demagoge, Katrina Galka - Fritzi, Jeni Houser - Franzi. Premiere am 8. Dezember, 19 Uhr. Weitere Aufführungen am 11., 14., 16. und 20. Dezember. www.staatsoper.at)


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