Vorboten eines Krieges an Israels Nordgrenze

Das Kriegsgeheul zwischen Israel und dem Iran wird lauter. An der Nordgrenze Israels droht der Konflikt mit der Hisbollah wieder zu eskalieren.

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Ein israelischer Panzer sichert nahe der Grenze zum Libanon die Operation „Nördliches Schutzschild“.
© AFP

Von Christian Jentsch aus Misgav Am

Misgav Am, Tel Aviv –Josef Abas blickt hinüber in den Libanon, nur einen Steinwurf entfernt wehen die gelben Fahnen der Hisbollah-Miliz. Er lebt seit 41 Jahren, aus den Niederlanden gekommen, im Kibbuz Misgav Am im äußersten Norden Israels knapp an der Grenze zum Südlibanon, der von der schiitischen Hisbollah-Miliz kontrolliert wird. Jener Miliz, die von Israel als Vorposten des Iran in seiner unmittelbaren Nachbarschaft gesehen wird.

Der Konflikt zwischen dem Iran und Israel schaukelt sich immer weiter auf. Israels Konflikt mit den Palästinensern ist da längst zur Nebensache geworden. „Die Lage kann sich zuspitzen“, erklärt Abas und blickt vom 840 Meter hohen Berg, auf dem sein Kibbuz im Jahre 1945 gegründet wurde, hinunter in die Ebene. Dort ist in den vergangenen Tagen schweres Baugerät aufgefahren, die israelische Armee hat die Operation „Nördliches Schutzschild“ gestartet. Hier wurden zuletzt zwei Tunnel entdeckt, die in israelisches Gebiet hineinreichen. Bis zu zehn weitere soll es in der Region geben. Die Hisbollah habe durch die Tunnel Elitekämpfer in den Norden Israels bringen wollen, um entweder Gebiete zu isolieren oder Zivilisten und Soldaten gefangen zu nehmen, heißt es seitens der israelischen Armee.

Nun werden die Tunnel, die man bisher nur als Instrument der Hamas im Ga­za­streifen kannte, zerstört. Gleichzeitig errichtet Israel eine bis zu neun Meter hohe und auch in die Tiefe reichende Sperranlage entlang der rund 130 Kilometer langen Nordgrenze zum Libanon.

Doch es geht nicht nur um die Tunnel, von deren Existenz man schon länger wusste. Die Tunnel sind sozusagen nur die Spitze des Eisberges. Nach dem Libanon-Krieg im Sommer 2016 mit rund 1500 Toten droht ein neuer blutiger Krieg zwischen Israel und der Hisbollah. Josef Abas zeigt hinüber auf die neu errichteten Häuser auf der libanesischen Seite. Häuser, die durchaus von einem gewissen Wohlstand zeugen. „In den unteren Stockwerken lagern die Waffen der Hisbollah“, erzählt er. Die Lage könne jederzeit eskalieren. Angst hat er trotzdem keine. Er vertraut auf die immense Stärke der israelischen Armee.

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Plötzlich ertönt das Knattern von Hubschrauberrotoren. Ein Hubschrauber der UNO-Mission Unifil, die im südlichen Libanon an der Grenze zu Israel stationiert ist und an der auch rund 180 österreichische Blauhelme teilnehmen, ist zu seinem Patrouillenflug gestartet. Bei den an der Nordgrenze lebenden Israelis steht die UNO-Mission freilich nicht hoch im Kurs. „Die machen nichts“, heißt es.

Die UNO sieht die Lage als stabil. Doch eines ist klar: Das Kriegsgeheul wird immer lauter. Und die Regierung in Jerusalem bezeichnet den Iran als existenzielle Bedrohung für Israel. Nicht nur Regierungschef Benjamin Netanjahu, der innenpolitisch angesichts von Korruptionsskandalen unter Druck steht, warnt vor einer neuen Konfrontation und setzt alle Karten auf die Eindämmung des Iran. Einerseits baue Teheran trotz des – von Israel heftig kritisierten und von US-Präsident Donald Trump mittlerweile aufgekündigten – Atomabkommens weiter an Nuklearwaffen. Andererseits rüste man die Hisbollah an der Grenze Israels mit neuen Präzisionswaffen aus.

„Eines ist für uns ganz klar: Die Hisbollah ist ein Instrument des Iran, um Israel anzugreifen und für permanente Gefahr an der Nordgrenze Israels zu sorgen“, sagt Emmanuel Nahshon, Sprecher des israelischen Außenministeriums, gegenüber österreichischen Journalisten. Und Nahshon droht auch dem Libanon: „Falls wir von der Hisbollah angegriffen werden, wird der Libanon den Preis dafür bezahlen“, erklärt er. Die Hisbollah sitzt in der Regierung in Beirut. Auch schon beim zweiten Libanon-Krieg im Jahr 2006 bombardierte Israels Luftwaffe zahlreiche Ziele im gesamten Libanon.

Zuletzt gab es mehrere Berichte von iranischen Flugzeugen, die über den Flughafen von Beirut Waffen in den Libanon gebracht haben sollen. Genau im Visier hat Israel die Waffenlieferungen vom Iran über Syrien in den Libanon. Seit 2017 flog die israelische Luftwaffe über 200 Angriffe auf Waffenkonvois in Syrien.

Doch mittlerweile hat sich die geostrategische Lage im Bürgerkriegsland Syrien verändert. Mit Hilfe Russlands und des Iran scheint das Regime von Bashar al-Assad den Krieg für sich entschieden zu haben. Die Sorge Israels: Die Hisbollah als Verbündeter des Iran könnte sich nun auch in Syrien entlang der Golanhöhen an der Grenze zu Israel festsetzen und dort eine zweite Front eröffnen, was Israel unter allen Umständen verhindern will. Und: Nach Ende des Bürgerkrieges in Syrien werde sich die Hisbollah auch wieder stärker in den Südlibanon zurückziehen, um sich dort auf den Kampf gegen Israel zu konzentrieren, heißt es.

Mit seinem Eingreifen hat Russland den Krieg in Syrien zu Gunsten al-Assads gedreht. Was Israel, das gute Kontakte zu Moskau pflegt, vor neue Probleme stellt. Die Verbündeten Russlands in Syrien sind Israels Feinde. In Syrien prallen die Interessen Russlands und Israels aufeinander. „Das Window of Opportunity für Israel in Syrien schließt sich rasch“, erklärt Shlomo Brom, ein ehemaliger Brigadegeneral, der nun am Institute for National Security Studies in Tel Aviv tätig ist. Israel sieht sich an seiner Nordgrenze neuen großen Bedrohungen ausgesetzt. Ein neuer Krieg droht heraufzuziehen.


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