Individualität braucht kein Kollektiv

Die Heftreihe „Kulturorte“ will sich in Zukunft um die Aufbereitung der Historie prägender kultureller Unternehmungen in Tirol widmen. Erster Schauplatz, der als Ausgabe vorliegt: das Weyrer-Areal.

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© Günter Richard Wett

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck –Orte der Kultur, etwa Kulturzentren, die nach wie vor prominente und unverzichtbare Bestandteile des Kulturgeschehens einer Stadt sind, oder Treffpunkte von Kultur, die es bereits nicht mehr gibt – und dennoch wichtig für die Entwicklung der Umgebung waren. Solche Orte sind es, die der Liechtensteiner Joachim Tschütscher, seines Zeichens aktiver Kulturteilnehmer, seit er 1975 nach Tirol kam, für seine neu initiierte Heftreihe „Kulturorte“ aufsuchte. Zusammengekommen sind an die 20 Orte in ganz Tirol, der erste Band, „Die Weyrer“, ist seit Kurzem im Buchhandel erhältlich.

Und dieser erzählt in Reportageform, aber gut recherchiert die abwechslungsreiche Geschichte des einzigartigen Kulturortes in Innsbruck. Beleuchtet wird die Historie in erster Linie aus architektonischer Sicht, was sich aus dem Architektur-Background der Autorin, Kulturjournalistin Nicola Weber ganz natürlich ergibt. Wobei dieser Aspekt für das Weyrer-Areal ganz wesentlich ist, ist es doch eines der wenigen Indus­trieensembles, das relativ zentral liegt und in seiner Ursprünglichkeit beibehalten wurde. Bianca Stedile-Foradori, die heutige Besitzerin, diente als zentrale Gesprächspartnerin für die Autorin und bringt die Gegenwart der Weyrer auf den Punkt: Wichtiger als das Kollektiv ist in der Weyrer die Individualität.

Und das lässt sich bis heute an den 107 Mietern ablesen, die sich aus Künstlern, Architekten, Restauratoren, Modeschöpfern, Handwerkern oder Musikern zusammensetzen. Bereits Ende der 80er-Jahre setzte die Wiederbesiedelung ein, die einstigen „Vereinigten Tuchfabriken Baur-Foradori“ wurden zu einem eigenwilligen Konglomerat „von interessanten Menschen, skurrilen Archiven und innovativen Projekten“, schreibt Weber.

Einer der ersten Mieter war Fotograf und Künstler Johannes Atzinger, eine schillernde und zugleich kontroverse Persönlichkeit, die mit dem von ihm initiierten Innsbrucker Kunstverein die Rolle der zeitgenössischen Kunst in Tirol ab Mitte der 80er maßgeblich mitprägte und dem somit in der Publikation eine tragende Rolle zugedacht wird. Die Projekte in der Weyrer, der parallel gegründeten „Kunsthalle I“ in der Maria-Theresien-Straße und die aufgrund von Subventionskürzungen wieder in die Weyrer zurückgeholte „Kunsthalle II“ (bis 1997) knüpften vor allem an die Kölner Kunstszene an und brachten Künstler wie Gerwald Rockenschaub, Thomas Bayrle oder Peter Weibel nach Innsbruck; oder entdeckten lokale Größen wie Thomas Feuerstein, der übrigens bis heute ein Atelier in der Weyrer betreibt. Im Heft wird dieser Teil der Geschichte von Atzinger-Freunden wie Karl Gostner oder Manfred Sandner geschildert – die Autorin schafft es, persönliche Einblicke in die Chronologie der Ereignisse einzuweben.

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Und das wird die Heftreihe wohl vor allem ausmachen, Stimmen zusammenzubringen, die abseits von wissenschaftlichen Publikationen (die natürlich zitiert werden) auch die individuellen Erzählungen der Kulturorte auf einen – durchwegs unterhaltsamen – Nenner bringen. Ein Inhalt, der außerdem, wie in der ersten Ausgabe mit Fotos von Günther Wett und dem Layout von Christian Mariacher, anschaulich aufbereitet wird.

Geplant ist ein halbjähriger Erscheinungszyklus der Kulturorte-Hefte, 2019 sollen die Institutionen „Utopia“ oder das „Treibhaus“ folgen, an denen Herausgeber Tschütscher auch selbst mitschreiben möchte. Weiters werden Orte wie „MK“, „Stromboli“ oder der Adolf-Pichler-Platz als Gesamtheit angepeilt. Grundsätzlich wäre laut Tschütscher auch eine Ausweitung auf Südtirol, hier etwa mit dem Meraner „Ost/West-Club“ möglich. Auch wenn als Reihe geplant, sollen die einzelnen Hefte trotzdem individuell bleiben – ähnlich wie die Weyrer, geprägt vor allem durch die einzelnen Protagonisten.

Reportage Kulturorte 01: Die Weyrer. Ein zweites Leben für die Fabrik. Studia Verlag, 46 S.; 18,90 Euro


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