Liedforscher: „Stille Nacht“ stirbt nicht aus

Alle Jahre wieder hat der Song „Last Christmas“ in der Vorweihnachtszeit im Radio Hochkonjunktur. Doch was erklingt heutzutage auch abseits der Popkultur noch im Advent? Das weiß Liedforscher Eckhard John.

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Freiburg – Sobald der Punsch fließt und die Tannenbaumlichter blinken, lassen Menschen sich mit entsprechender Musik berieseln – oder singen selbst. Mitunter auch Lieder, die bei ihrer Entstehung alles andere als weihnachtlich waren, wie Eckhard John vom Freiburger Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) erklärt.

Im Radio laufen vor Weihnachten neben dem alljährlichen „Last Christmas“ auch einige andere englischsprachige, poppige Weihnachtslieder. Warum hört man kaum deutschsprachige?

John: Das ist vor allem durch die heutigen Radioformate bedingt – pauschal würde ich das nicht so sehen: Es hängt vielmehr vom Sender ab. Die Wiener Sängerknaben etwa hören Sie nicht bei SWR3. Im internationalen Popbusiness gibt es derzeit eben mehr zugkräftige Weihnachtssongs, und die laufen dann jedes Jahr aufs Neue. Es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit bis auch in der deutschsprachigen Popmusik Weihnachtslieder kommen, die einschlagen.

Singen Menschen außerhalb von Kirchen heutzutage noch Weihnachtslieder – zum Beispiel zu Hause in der Familie?

John: Ja, klar. Aber man muss auch sehen: Weihnachten ist ein zutiefst christliches Fest, deshalb ist die Kirche mit ihrem Umfeld dafür erst einmal der sozusagen natürliche Ort. Gleichzeitig gibt es beispielsweise auch das öffentliche Adventssingen – an unterschiedlichsten Orten. Auch in Schulen, in Kindergärten, sogar im Bereich der Straßenmusik werden viele Weihnachtslieder gesungen – ebenfalls zu Hause im privaten Raum noch immer. Vermutlich deutlich weniger als früher, weil heute insgesamt weniger Hausmusik gemacht wird. In welchem Ausmaß das noch stattfindet, lässt sich aber schwer sagen – genauso schwer beispielsweise, wie häufig Menschen beim Autofahren singen. Aber auch dort werden vermutlich Weihnachtslieder gesungen.

Zur Person

Eckhard John forscht am Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) der Universität Freiburg. Die 2014 gegründete Einrichtung ging aus dem Deutschen Volksliedarchiv hervor. John betreut unter anderem das Historisch-kritische Liederlexikon mit, das die Entstehung und Rezeptionsgeschichte von traditionellen und populären Liedern aus dem deutschsprachigen Raum aufarbeitet. Im Dezember ist John zufolge die Nutzerfrequenz des Online-Lexikons am höchsten.

Sterben traditionelle Weihnachtslieder aus?

John: Nein, auf gar keinen Fall. Viele der bekanntesten Weihnachtslieder sind ja traditionelle Weihnachtslieder. „Stille Nacht“ hat dieses Jahr 200. Jubiläum. Auch „O Tannenbaum“ stammt aus dem 19. Jahrhundert. Das war übrigens ursprünglich eine Liebesklage. Ein Mann klagt über ein Mädelein, das untreu ist – im Unterschied zum Tannenbaum, der immer grüne „Blätter“ hat. Wie jede Tradition erneuert sich auch die der Weihnachtslieder. Manche verschwinden, manche bleiben, neue kommen dazu. „In der Weihnachtsbäckerei“ von Rolf Zuckowski ist beispielsweise ein relativ junges Weihnachtslied, das aber schon ein eminent beliebtes Lied geworden ist. Gut möglich, dass es auch das Potenzial hat, längerfristig in den Kanon populärer Weihnachtslieder einzugehen. (dpa)


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