Blaue Luftballons, brauner Sumpf: „Die Weiden“ an der Staatsoper

Wien (APA) - Die Luftballons sind blau. Der Fluss, der langsam, aber sicher über die Ufer tritt, ist sumpfbraun. Die von Heimatliebe Ergriff...

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Wien (APA) - Die Luftballons sind blau. Der Fluss, der langsam, aber sicher über die Ufer tritt, ist sumpfbraun. Die von Heimatliebe Ergriffenen verwandeln sich in hässliche, gleichförmige Karpfen. Gestern, Samstag, wurde an der Wiener Staatsoper „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud und Durs Grünbein uraufgeführt. Eine Gegenwartsgroteske, die wehtun und warnen will.

Acht Jahre lang gab es an der Wiener Staatsoper keine Uraufführung. Nun meldet sie sich mit großer Geste zurück in die Zeitgenossenschaft. Staud, Komponist und Österreicher, und Grünbein, deutscher Lyriker, legen eine bitterböse Abrechnung mit der conditio austriaca vor und reihen sich damit zugleich in eine heimische Theatertradition, in der beißende, selbstzerfleischende Kritik an den Zuständen nur mit einer dünnen Schicht grotesker Kostümierung bekleidet wird. Die hohe Kunst der gepflegten „Nestbeschmutzung“, mit Delikatesse und Emphase, nun auch an der ersten Adresse am Ring.

Die Zeit war reif dafür. Vor dem Hintergrund von Flüchtlingskrise und Rechtsruck, von Wirgefühl und Fremdenhass, von Vorgestrigen, die sich im Bierzelt als neue Mitte fühlen dürfen, erzählt „Die Weiden“ eine fast ungeschminkte Parabel: Ein junges Paar, Lea (Rachel Frenkel), die jüdische Amerikanerin mit österreichischen Wurzeln, und Peter (Tomasz Konieczny), Sohn eines ostösterreichischen Dorfes an der unschwer als Donau erkennbaren „Dorma“, machen sich via Kanu auf die Reise flussabwärts, in das Land, vor dem sie ihre Eltern gewarnt haben: Einmal schon hätten sich die Menschen dort in Karpfen verwandelt.

Johannes Maria Staud (44) hat dafür keine Oper im eigentlichen Sinne geschrieben. „Die Weiden“ ist über weite Strecken ein Schauspiel mit eindringlichem Soundteppich und immer wieder anspruchsvollen Gesangsstrecken: ein Casting-Albtraum, der Abstriche unausweichlich macht - in diesem Fall bei der Textverständlichkeit. Wo die Musik wichtiger wird, wo sie mehr als Zitat an Zitat reiht, nicht nur Elemente aus Big Band, Fließbandpop und Volkstümelei collageartig verwebt, sondern als eigenständiger, bedrohlicher Protagonist ins Geschehen kommt, da steigt die Spannung. Stauds komplexe Komposition, die dem Orchester unter Ingo Metzmacher kaum mehr Bedeutung einräumt als den elektronischen Zuspielungen, ist selbst der Fluss: blubbernd, übertretend, eine dunkle Vergangenheit am Wassergrund, die im Unwetter hochzutreiben droht. Der Hass ist hier eine Naturgewalt.

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Der Plot, den sich die Macher - unter Mithilfe von Regisseurin Andrea Moses - gezimmert haben, ist zugleich absurd und naturalistisch, entzieht der Gegenwart eine Vielzahl authentischer Details und übersteigert ihren Alarmismus dennoch im poetischen Exzess. Auf Subtilität wird kein Wert gelegt. Auf einem verlassenen Friedhof, der die Knochen eines längst vergessenen NS-Massakers in sich trägt, begegnet Lea den Geistern der Vergangenheit, einem Jäger mit Gamsbart, der auf Flüchtlinge schießt, und erwischt auch noch gleich ihren betrunkenen Holden im selbstvergessenen Dreier mit seinen Schicki-Freunden. „Bin ich hier auf der falschen Party?“, wird Edgar (Thomas Ebenstein), der geschleckte Jachtbesitzer später fragen, als der braune Sumpf sie alle zu ersäufen droht.

Die Verkarpfung via Fischkopf beginnt beim Abendessen mit den Schwiegereltern in spe und erreicht ihre volle Blüte beim Bierfest am Hauptplatz. Krachmeyer (Udo Samel), der Staatskomponist, schwingt dort Reden über Identität. Grünbein verwebt sprachliche Bruchstücke des aktuellen politischen Diskurses geschickt in sein Libretto, räumt aber der klar verständlichen Warnbotschaft meist Primat vor dem poetischen Gehalt ein. Ästhetisch sind die „Weiden“ klar - zu klar - auf Message gebürstet: Wagner-Zitate untermauern die Gefahr der erhabenen Empfindung, Filmeinspielungen mit alten Fotos bringen auch die verschlafensten Zuschauer auf die richtige Fährte, die Figuren lässt man in politischen Bekenntnissen sprechen, statt sie als Charaktere ernst zu nehmen.

Andrea Moses inszeniert das mit seinen Fluss- und Naturmotiven eigentlich wenig bühnenfreundliche Stück mit erfreulich viel Pragmatismus, einem Anspruch an die Personenführung, der angesichts des charakterfreien Librettos quijotesk daherkommt, und mit starken szenischen Arrangements. Mitunter angestrengt wirkt die üppige filmische Zuhilfenahme, überflüssig die unheilvollen Kommentar-Szenen der Fernsehreporterin (Sylvie Rohrer), zäh der viele gesprochene Text, der mangels geeigneter Sprechstimmen über weite Strecken nicht zu verstehen ist.

Viel Zustimmung gab es am Ende für das vorrangig aus dem Haus besetzte Ensemble: Rachel Frenkel hatte wegen einer Stimmbandentzündung um Nachsicht bitten lassen, sie wurde für ihr Porträt der Lea allerdings ebenso gefeiert wie Tomasz Konieczny für die gewohnt kraftstrotzende Darstellung des Peter. Andrea Carroll gab eine wunderbar quirlige Lebefrau Kitty, Wolfgang Bankl brillierte als Bierzeltredner und Oberförster, Herbert Lippert und Monika Bohinec sorgten als Leas amerikanische Eltern für einen zugkräftigen Prolog.

Der nicht ganz einhellige Applaus für das Leading Team - einige wenige, aber umso fester entschlossene Buhrufer hatten sich eingefunden - galt wohl nicht nur einem Opernabend, der sich beeindruckend kompromisslos in den Schmutz des politischen Frontkampfes wirft und dafür ästhetische Einbußen in Kauf nimmt. Sondern auch dem Haus selbst. Der staatliche Musiktheatertempel hat nicht nur Schauplatz künstlerischer Höchstleistungen zu sein - sondern auch Verhandlungssaal des Heute. Diese Verantwortung hat man mit der ersten Uraufführung der Direktion Meyer beherzt wahrgenommen.

(S E R V I C E - „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud und Durs Grünbein, Uraufführung an der Wiener Staatsoper, Dirigent: Ingo Metzmacher, Regie: Andrea Moses, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Kathrin Plath, Licht: Bernd Purkrabek. Mit Rachel Frenkel - Lea, Tomasz Konieczny - Peter, Thomas Ebenstein - Edgar, Andrea Carroll - Kitty, Sylvie Rohrer - Fernsehreporterin, Udo Samel - Krachmeyer, Monika Bohinec - Leas Mutter, Herbert Lippert - Leas Vater, Donna Ellen - Peters Mutter, Alexandru Moisiuc - Peters Vater, Wolfgang Bankl - Demagoge, Katrina Galka - Fritzi, Jeni Houser - Franzi. Weitere Aufführungen am 11., 14., 16. und 20. Dezember. www.staatsoper.at)

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen im Pressebereich von www.wiener-staatsoper.at zum Download bereit.)


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