,,Gegen den Strom“: Widerstand im Elfenland

Nach „Von Menschen und Pferden“ liefert Benedikt Erlingsson mit seinem Polit-Thriller „Gegen den Strom“ über den Ausverkauf Islands sein zweites Meisterwerk.

Halla (Halldóra Geirharðsdóttir) entkommt noch einmal dem Planquadrat im Hochland.
© Polyfilm

Innsbruck –Wie eine Ninja-Kriegerin hetzt Halla (Halldóra Geirharðsdóttir) mit Pfeil und Bogen in der Abenddämmerung über das karge Hochland. Sie spannt den Bogen, legt auf eine Hochspannungsleitung an, zieht mit der am Pfeil befestigten Plastikschnur ein Stahlseil über die zischende Stromleitung.

In Reykjavík gehen die Lichter aus, während Helikopter der Polizei aufsteigen. Auf der Flucht gibt sich Halla einem Schafzüchter, der gerade dabei ist, seine Tiere einzusammeln, als legendär­e „Bergfrau“ zu erkennen, und der bärtige Mann hilft gern. Sein Urgroßvater hat schon auf fremden Höfen „ausgeholfen“, weshalb davon auszugehen ist, dass sich „mutmaßlich“ Cousin und Cousine gegenüberstehen. Als mutmaßlicher Terrorist wird dafür der südamerikanische Tourist Juan Camillo (Juan Camillo Ramón Estrada) verhaftet.

Juan Camillo hat mit seinem Fahrrad bereits in Benedikt Erlingssons spektakulärem Regiedebüt „Von Menschen und Pferden“ (2013) die Insel erkundet, mit stummem Entsetzen die Trinkgewohnheiten und seltsamen Paarungs­rituale der Inselbewohner beobachtet. Der dampfende Darm eines Pferdes hat ihn vor dem Erfrieren gerettet.

Statt die Flucht zu ergreifen, ist er in Island geblieben und liefert in „Gegen den Strom“ die Running Gags, während die Position des Beobachters ein Chor aus einem Volksmusiktrio und drei Sängerinnen in ukrainischen Trachtenkostümen übernimmt.

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Halla, obwohl Anhängerin des passiven Widerstands, kämpft mit ihren Sabotageaktionen gegen die feindliche Übernahme Islands. Die Überkapazität der sauberen Energiegewinnung möchten Politiker und Spekulanten der Aluminiumindustrie zukommen lassen. Die Medie­n entwerfen ein Terrornetzwerk, das dem industriellen Fortschritt im Weg steht. Die chinesischen Investoren verlangen daher nach Garantien für ihr Engagement. Als NATO-­Mitglied kann Island auf CIA-Unterstützung zählen.

In dieser Aufrüstungsspirale begegnet die Einzelkämpferin einer allgemeinen Gleichgültigkeit, die nur von der Ignoranz ihrer Zwillingsschwester übertroffen wird. Ása (ebenfalls Geirharðsdóttir, Islands Superstar im Theater und im Kino) lehrt Esoterik wie die Nahrungsaufnahme durch Licht und hat ihren Koffer gepackt, um in ein indisches Ashram zu übersiedeln. Dabei würde Halla ihre Schwester gerade jetzt benötigen, da eine ukrainische Kriegswaise in Kiew darauf wartet, abgeholt zu werden.

Der Kampf im Globalisierungsdschungel in den imposanten Landschaften Islands und ein kleiner, in das Kriegselend der Ukraine geworfener Hoffnungsschimmer sind auch für eine Kriegerin zu viel. Aber dann kommen doch wieder diese komplexen Beziehungen Islands bei einer Bevölkerungsdichte von kaum drei Menschen neben Elfen und Trollen auf einem Quadratkilometer ins Spiel.

Wie Benedikt Erlingsson als Autor und Regisseur scheinbar unlösbare Verwicklungen auflöst, gehört neben dem vordergründigen Polit-Thriller-­Plot zum Spannendsten der Geschichte, die mit einem surreal komischen und zugleich erschütternden Bild endet, weil es den Zustand der Welt beschreibt. (p.a.)


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