Ein Hoch auf das Kunstlied: A Perfect Circle beinahe mythisch in Wien

Wien (APA) - Auf die persönliche Ansprache muss man verzichten: Stehen A Perfect Circle auf der Bühne, dann geht es in erster Linie nicht um...

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Wien (APA) - Auf die persönliche Ansprache muss man verzichten: Stehen A Perfect Circle auf der Bühne, dann geht es in erster Linie nicht um die Musiker oder gar eine Interaktion mit dem Publikum. Die US-amerikanische Formation zelebriert lieber ihre Songs nach allen Regeln der Kunst. Sänger Maynard James Keenan und Konsorten machten das auch Sonntagabend beim Gastspiel in der Wiener Stadthalle deutlich.

Viele Jahre sind vergangenen, seit die Anfang der 2000er erstmals in Erscheinung getretene Allstar-Truppe in Österreich zugegen war. Wechselnde Line-ups, lange Albenpausen, Funkstille: Alles haben die Fans mitmachen müssen. Dabei ist die Geschichte der Band ohnehin eine von Zufällen geprägte, hat sich Tool-Sänger Keenan doch aufgrund von Rechtsstreitigkeiten mit seiner Hauptband dem damaligen Gitarrentechniker Billy Howerdel zugewandt. Dieser hatte eine Handvoll überzeugender Songs für Keenan im Angebot, aus denen später das Debüt „Mer de Noms“ werden sollte.

Und was für eines: Die Alternative-Szene wurde von Songs wie dem mächtigen, gestern leider ausgelassenen „Judith“ oder melodiösen Glanztaten a la „3 Libras“ im Sturm erobert. Doch nur drei Jahre später folgte mit „Thirteenth Step“ der eigentliche Paukenschlag: Mit Kapazundern wie Smashing-Pumpkins-Gitarrist James Iha (eigentlich aktuell auch mit von der Partie, derzeit aber mit den Pumpkins im Proberaum) oder Drummer Josh Freese wurde ein Album eingespielt, das nur schwer zu fassen war. Schwermütige Momente, dunkel-schillernde Melancholie und sich immer weiter auftürmende Riffs umschwirrten den Hörer, während sich Keenan von einer verklausulierten Textzeile zur nächsten hangelte und seine Bandbreite voll ausspielte.

Diese Mischung ist es auch, die live nach wie vor den Reiz von A Perfect Circle ausmacht: In der Stadthalle wurde nach dem eingangs nochmals unterstrichenen Foto- und Filmverbot (ja, diese Musiker wollen eigentlich keine Stars sein und schon gar nicht im digitalen Äther landen) mit Stücken der diesjährigen Comebackplatte „Eat The Elephant“ begonnen. Eine Spur zurückgenommener und Keyboard-lastiger kamen sie daher und fügten sich doch in den bekannten Sound der Band. Schaut man so fingerfertigen Instrumentalisten sonst gerne genau beim Spiel zu, war es diesmal kaum möglich, wurde die Bühne durch die Lichtshow doch zum an- und abschwellenden Gesamtkunstwerk.

So stand Keenan etwa auf einem zentral eingerichteten Podest im hinteren Bereich, nur indirekt angeleuchtet und somit mehr bedrohlicher Schatten denn exaltierter Frontmann. Dass er Letzteres auch kann, wird er wohl beim Konzert von Tool kommenden Juni am selben Ort unter Beweis stellen. Aber A Perfect Circle zeigten an diesem Abend eindrucksvoll, dass sie eben mehr sind als bloßes Nebenprojekt eines erfolgreichen Sängers. Gerade die kreative Zusammenarbeit von Keenan und Howerdel, der als Hauptsongschreiber fungiert, bringt Perlen wie „Weak and Powerless“ oder das überlange „The Package“ zum Vorschein. Und auf der Bühne darf der Gitarrist schon mal die Rampensau rauslassen.

Dennoch schwingt bei dieser Band immer auch eine gewisse Verweigerungshaltung mit: gegen übliche Konzerterwartungen, gegen klassische Marktmechanismen, gegen die von Hochglanzbildern und Eskapaden geprägte Popkultur. Keenan ist in seiner exzentrischen Manier ein Gegenentwurf zum klassischen Rockstar - und wird vielleicht gerade deshalb als solcher wahrgenommen, schenkt man den Geschichten von seinem teils divenhaften Verhalten Glauben. In dieser Hinsicht ist die Herangehensweise von A Perfect Circle wieder umso lohnender: Vergiss‘ das Drumherum, konzentrier‘ dich nur auf die Songs.

Von diesen hat die Gruppe trotz nur drei regulärer Alben (die Coverplatte „Emotive“ wurde etwa mit Depeche Modes „People Are People“ bedacht) zum Glück reichlich gelungene im Angebot. Die geradlinige Frühphase wurde mit einer intensiven Darbietung von „Rose“ gewürdigt, die eigene Verspieltheit im mäandernden „Vanishing“ vor Augen und Ohren geführt, bevor das Finale mit dem bereits erwähnten „The Package“ sowie dem neuen Song „Delicious“ aufwartete. All diese Stücke bestechen mit ihrer Durchdachtheit, sind im heutigen Rockkontext wie wohltuende Vertreter einer scheinbar verlorenen Zunft. Und so wurde es ein mythischer Abend mit kunstvollen Liedern, die ihre Schöpfer in den Hintergrund treten ließen. Und bei der allerletzten Nummer durfte sogar geknipst werden...

(S E R V I C E - www.aperfectcircle.com)


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