Königlich kaputt: Keith Richards wird 75

Unverwüstlich: Keith Richards, einstiger Bürgerschreck und seit mehr als fünf Jahrzehnten Gitarrist der Rolling Stones, wird heute 75 Jahre alt.

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Rocklegende Keith Richards feiert seinen 75. Geburtstag.
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Von Joachim Leitner

Innsbruck –In Zeiten, in denen sich steirische Schlagersänger und selbsterklärte Medienkritiker mit karierten Halstücherln als „Volks-Rock’n’Roller“ bejubeln lassen, scheint es nötig, daran zu erinnern, was Rock’n’Roll wirklich ist. Beziehungsweise: was Rock’n’Roll einmal war. Und als Demonstrationsobjekt bietet sich kaum jemand besser an als Keith Richards, der heute – man höre und staune – 75 Jahre alt wird.

Richards mit seiner damaligen Lebensgefährtin Anita Pallenberg 1971 in Frankreich.
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Richards, geboren und aufgewachsen in einfachsten Verhältnissen im Nordwesten Englands, ist Rock’n’Roll. Er hat ihn – als Freiheitsversprechen und als Fluch – gelebt. Und letztlich überlebt. Zugetraut hätte er sich das wohl selbst nicht: „Es behauptet ja keiner, dass man gleich das biblische Alter von 70 Jahren erreichen muss“, erklärte er Londoner Tugendwächtern 1971. Da war Richards noch keine 28 – und gerade ins Visier der britischen Steuerfahndung geraten. Jahrelang hatten weder Richards noch die anderen Mitglieder der Rolling Stones Einkommenssteuer bezahlt. Daher setzten die Stones – als Steuerflüchtlinge mit Promibonus – aufs Festland über. Richards bezog für 2400 Dollar Wochenmiete einen über dem Meer thronenden Art-Nouveau-Palast in Villefranche-sur-Mer im Süden Frankreichs. Dort spielten die Rolling Stones „Exile On Main Street“ ein, das vielleicht beste Album in mehr als fünf Jahrzehnten Band-Geschichte. Ein Meisterwerk: rau, kraftvoll, trotzig, aber eben auch verletzlich, fiebrig und anregend unfertig.

Richards, der gemeinsam mit Sänger Mick Jagger den Großteil aller Stones-Songs schreibt, sang dafür „Happy“ ein. Bis heute so was wie der Mottosong des Gitarristen.

Weil auch in Frankreich irgendwann gegen Richards wegen Suchtmittelbesitzes ermittelt wurde, setzte es End­e 1971 ein Einreiseverbot für den Musiker. Schon damals galt Keith Richards als Bürgerschreck erster Güte – seinem 1969 geborenen Sohn Marlon etwa brachte er bereits im Vorschulalter das Erkennen von Zivilstreifen bei, die regelmäßig vor seinen verschiedenen Anwesen patrouillierten.

Richards in den 80ern auf der Bühne.
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Dass hinter den skandal­trächtigen Schlagzeilen ein zwar königlich kaputter, aber begnadeter Musiker steht, geriet bisweilen ins Hintertreffen. Zugegeben: Richards, der sich früh für afroamerikanischen Blues begeisterte, ist kein Gitarrenvirtuose, kein Hendrix oder Clapton. Auch kein Chuck Berry, dem er – in seinen eigenen Worten – „alles geklaut“ hat. Richards versteht sich aufs Kompakte, auf prägnante Licks und Riffs. In „(I Can’t Get No) Satisfaction“, dem ersten echten Welthit der Rolling Stones, reichten ihm drei Töne, um 1965 klarzustellen, dass die Zeiten braver Ohrenschmeichler vorbei waren. Die Rolling Stones versprachen Befreiung aus dem biederen Mief der 1950er-Jahre. Dass sie an ihrem schlechten Ruf intensiv gebastelt haben, kann man in Richards umfangreicher (und etwas ermüdender) Auto­biografie „Life“ (2010) nachlesen. Nicht nur Hits wie „Paint It Black“ oder „Sympathy For The Devil“ entstanden am Küchentisch des Gitarristen, auch so manche Story wurde zwecks Legendenbildung aufgehübscht, frei nach dem Motto: Wer dabei war, kann sich nicht mehr erinnern – und wer sich noch erinnern kann, kommt nicht mehr in den Himmel.

Inzwischen lebt Keith Richards gesünder. Auf Alkohol und mehr oder weniger legale Stimmungsaufheller verzichtet er. Nicht er habe die Drogen aufgegeben, gibt er dazu zu Protokoll, „die Drogen haben aufgegeben“. Dass Richards die Jahre des Exzesses überlebt hat, ist die wohl größte Provokation, mit der der Rock’n’Roll für die effektiven Selbstoptimierer dieser Tage aufwartet.

Gitarristengipfel: Keith Richards mit Eric Clapton und John Lennon.
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