Zu viele Einzelgänger wären der Horror

Das Land Tirol gibt Ehepaaren, die 50, 60 oder 70 Jahre verheiratet sind, Geld. Worüber die einen sich freuen, ärgern sich andere.

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Erika und Josef Guggenbichler, Hildegard und Michael Guggenbichler, Elfriede und Adi Embacher aus Erpfendorf sowie Rosa und Alois Seebacher aus Kirchdorf freuten sich bei einer gemeinsamen Feier in Kirchdorf über die Glückwünsche und Geschenke.

Von Evelin Stark

Innsbruck –Der Hochzeitstag ist für Eheleute ein ganz besonderer Termin im Jahr. Handelt es sich dabei um ein „rundes“ Jubiläum, wird meist so richtig gefeiert. Wenn dies auch noch mit einer Finanzspritze unterstützt wird, ist die Freude umso größer.

Tirol ist das einzige Bundesland Österreichs, das in Form der so genannten „Jubiläumsausgabe“ Paare, die die goldene, die diamantene oder die Gnadenhochzeit feiern, mit einer finanziellen Prämie belohnt. Eingeführt wurde diese Ehrengabe im Jahr 1973 unter Eduard Wallnöfer. Allein im letzten Jahr erhielten tirolweit 2086 Paare 750 Euro (50 Ehejahre), 1000 Euro (60) und 1100 Euro (70). Insgesamt gab die Landesregierung damit 1,800.600 Euro aus, was nicht von allen Landtagsparteien begrüßt wird.

Einer, der diese Geste begrüßt, ist Wolfgang Lutz. Der Wiener Demograf hat seinen Forschungsschwerpunkt auf die internationale Bevölkerungsentwicklung und Bildung gelegt. „Im Prinzip ist so eine Ehrengabe aus demografischer Sicht eine gute Idee“, sagt der Wissenschafter.

Langfristige Partnerschaften zu bestärken, sei ein Zeichen, das die heutige Gesellschaft unbedingt nötig habe: „Wir befinden uns in einer Welt, in der die Menschen sich immer mehr individualisieren. Andauernde Beziehungen haben an Wert verloren“, so der Wissenschafter. „Alles ist über einen Klick erreichbar. Die kurzfristige Befriedigung rückt damit immer mehr in den Vordergrund“, weiß Lutz.

Dabei würden die Menschen das Langfristige brauchen, denn es liege in ihrer Natur. Partnerschaft und Familie würden nämlich alles zusammenhalten und für Stabilität sorgen.

„Man muss sich nur die weltweiten Bevölkerungsentwicklungen anschauen, die sind besorgniserregend: Zum Beispiel hat kaum ein Land eine so geringe Geburtenrate wie Südkorea.“ Die Konsequenz der dortigen Regierung: Seit Jahren veranstaltet sie regelmäßig Dating-Partys und vergibt Zuschüsse an Gemeinden und Unternehmen, die sich als Ehestifter nützlich machen.

Noch erschreckender sei allerdings der Blick auf Japan: „Der Großteil der japanischen Männer unter 40 hat überhaupt keine sexuelle Beziehung. Und was ist die Folge? Es gibt keinen Nachwuchs mehr. Das ist einer der wichtigsten Aspekte in der Gesellschaft!“, erklärt der Experte. Und das nicht nur, weil sie sonst aussterbe. Die intergenerationale Stabilität – dass Kinder in Familien aufwachsen, in denen alle Generationen stabile Beziehungen vorweisen – brauche es für einen guten Halt innerhalb einer Gesellschaft und dafür, dass man seinen Mitmenschen vertraue. „Es wäre doch ein Horror, wenn es nur noch Einzelgänger gäbe!“, so Lutz.

Die Tiroler SPÖ und die NEOS lehnen die Jubiläumsausgabe dennoch ab. „Hier geht es um die Frage der Weltanschauung. Diese Spende ist weder eine Sozialleistung noch eine Form der Unterstützung. Für nichts anderes sollten Steuergelder aber verwendet werden. Was ist das für ein Wert, der hier vermittelt wird?“, sagt Dominik Oberhofer, NEOS-Klubvorsitzender und Abgeordneter im Landtag.

Zudem seien die Bedingungen für eine Auszahlung der Jubiläumsausgabe diskriminierend: „Es müssen beide Partner Österreicher sein und beide seit mindestens 25 Jahren in Tirol leben. Das ist doch nicht zeitgemäß“, klagt er an. Außerdem würden gleichgeschlechtliche Partnerschaften und andere Beziehungskonstellationen nicht berücksichtigt, was diskriminierend sei.

Erika Guggenbichler aus Kirchdorf sieht das etwas anders. Sie und ihr Mann Josef haben am 13. Juli diesen Jahres goldene Hochzeit gefeiert. Über die 750 Euro von der Landesregierung haben sie sich gefreut: „Wir haben sonst nie etwas bekommen, nicht einmal Kindergeld“, sagt die 77-Jährige.

Sie sehe die Jubiläumsausgabe als ein Zeichen der Landesregierung dafür, dass die Ehe als wichtig für die Gesellschaft angesehen wird. Das Geld liege derzeit noch auf der Bank. Was sie damit machen, wollen die Jubilare in Ruhe überlegen.


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