Heiß-kaltes Wechselbad auf Tirols Berggipfeln

Seilbahner ließen Temperatur- und Schneedaten auswerten. Ein Fazit: Für die Zukunft lässt sich daraus nichts ableiten. ZAMG prophezeit wärmere Winter.

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In den letzten 100 Jahren ist es auf Tirols Bergen wärmer geworden, über die Entwicklung der Schneedecke gehen die Meinungen auseinander.
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Von Max Strozzi

Innsbruck –Wurde es in den Tiroler Bergen in der Vergangenheit kälter oder wärmer? Fiel mehr Schnee oder weniger? Alles eine Frage des Zeitraums, den man sich anschaut. Seit einigen Jahren wertet der Kitzbüheler Günther Aigner – er bezeichnet sich als „Schneehistoriker“ und als „einer der führenden Zukunftsforscher auf dem Gebiet des alpinen Skitourismus im deutschsprachigen Raum“ – gemeinsam mit dem Meteorologen Christian Zenkl immer wieder im Auftrag diverser Seilbahnbetriebe die amtlichen Temperatur- und Schneedaten in Tiroler Bergen aus. Gestern haben sie im Auftrag der Tiroler Seilbahnbranche gemeinsam mit dem Meteorologen Wolfgang Gattermayr eine Analyse der Temperatur- und Schneedaten von sieben Berggipfeln aus den letzten 123 Jahren präsentiert.

Fazit der Autoren: Seit 1890 ist es im Winter auf Tirols Bergen um 1,4 Grad wärmer geworden. In den letzten 50 Jahren seien die Wintertemperaturen „statistisch unverändert“ geblieben. In den letzten 30 Jahren sei es auf den Gipfeln um 1,3 Grad kühler geworden. Fest stehe aber auch, dass die Bergsommer seit Anfang der 1980er-Jahre massiv wärmer wurden.

Was diese Studie für die Zukunft des Skisports in Tirol und damit für den heimischen Wintertourismus bedeutet, ist allerdings nicht klar. Aus der Studie könnten nämlich „keinerlei Prognosen für die Zukunft abgeleitet werden“, sagen die Autoren. Um gleichzeitig zu betonen, dass ein klimabedingtes Ende des Skisports nicht in Sicht sei.

Seilbahn-Obmann Franz Hörl will die Studie als „sachlichen Beitrag in einer emotionalen Diskussion“ verstanden wissen. Niemand leugne den Klimawandel – ihm gehe es darum, das Maß der Auswirkungen zu eruieren.

Eine ähnliche Studie hatten im Vorjahr auch die Klima- und Wetterexperten der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) durchgeführt. Auch sie werteten die amtlichen Temperaturdaten der vergangenen 90 Jahre auf den Tiroler Gipfeln aus. Ihr Fazit: Es wurde deutlich wärmer. Langfristig sei „eine statistisch hochsignifikante Zunahme der Wintertemperaturen im Hochgebirge nachweisbar“ – und zwar seit 1927 um mehr als 2 Grad. Außerdem: Einen Zeitraum von nur 30 Jahren zu analysieren, führe zu Ergebnissen, „die für die langfristige und zukünftige Entwicklung keine Aussagekraft haben“, betonten die ZAMG-Experten. Grund dafür sei, dass die Wintertemperaturen kurzfristig stark schwanken. Was bringt die Zukunft? Aus Sicht der ZAMG-Forscher „steigt die Wahrscheinlichkeit, im Gebirge ungewöhnlich warme Winter zu erleben, von Jahr zu Jahr an“. Für die kommenden 5 bis 10 Jahre könne man aber keine seriösen Prognosen erstellen.

Was die Analyse der Schneedaten betrifft, gehen die Interpretationen ebenfalls auseinander. Laut Aigner und Zenkl habe sich in den vergangenen 100 Jahren auf den Tiroler Bergen kaum etwas geändert: Die Schneemessungen würden in den letzten 100 Jahren „keine signifikanten Trends“ zeigen.

Anders ZAMG-Experte Andreas Gobiet. „Seit 1961 nimmt am allergrößten Teil der Messstationen die Länge der Schneedeckendauer in allen Höhenlagen signifikant ab. Man findet nirgends eine Zunahme.“ Sprich: Es gibt immer weniger Tage mit einer geschlossenen Naturschneedecke. Gobiet: „Bis Mitte des Jahrhunderts muss man im Alpenraum mit einem Grad Erwärmung rechnen. In Lagen unter 1500 Metern nimmt das nochmal 30 Prozent vom Schnee weg.“ Ein Szenario für 2000 Meter zeige sogar einen Rückgang um 70 Prozent.


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