„Mary Poppins' Rückkehr“: Zauberhafter Zuckerguss

P. L. Travers würde erneut toben: 54 Jahre nachdem „Mary Poppins“ gegen den Willen ihrer Erfinderin zur Filmfigur wurde, kehrt das resolute Kindermädchen ins Kino zurück.

  • Artikel
  • Video
  • Diskussion
In der späten Fortsetzung schlüpft Emily Blunt (links) in die Rolle der Mary Poppins, die ihrer Vorgängerin Julie Andrews einst den Oscar einbrachte.
© Disney

Von Marian Wilhelm

Innsbruck –Schriftsteller hegen nicht immer eine große Liebe für Filmadaptionen ihrer Werke. Im Fall von „Mary Poppins“ war die australisch-britische Autorin Pamela Lyndon Travers äußerst unzufrieden mit dem berühmten Oscar-prämierten Film-Musical von 1964. Walt Disney höchstpersönlich hatte sich auf Empfehlung seiner Töchter lange um die Rechte bemüht und schließlich für 100.000 Dollar (heute etwa drei Millionen) gekauft. Doch Disney stieß die Poppins-Schöpferin inhaltlich vor den Kopf und lud sie nicht mal zur Premiere ein. P. L. Travers untersagte daraufhin sogar testamentarisch weitere Verfilmungen – insbesondere von Amerikanern. Über diese berüchtigte Geschäftsbeziehung wurde 2013 der Spielfilm „Saving Mr. Banks“ mit Emma Thompson und Tom Hanks gedreht, produziert ausgerechnet von der Disney Company. Walt Disneys Konzernerben holen das magische Kindermädchen nun dennoch wieder auf die Leinwand zurück, unter der Regie von Rob Marshall.

Die Kinder von damals sind erwachsen. 20 Jahre später lebt Michael Banks selbst als Witwer dreier Kinder in der Cherry Tree Lane Nr. 17. Von alleinerziehenden Vätern ist im London der 30ern-Jahre noch keine Rede, vor allem wenn dem hilflosen Chaoten „nur“ eine schlechte Köchin und eine Schwester zur Seite stehen. Zudem ist die Weltwirtschaftskrise samt Hypothek auf dem Haus spürbar, der skrupellose Bankdirektor (Colin Firth) kündigt schon die Pfändung an.

Da kommt die magische Mary Poppins mit ihrem sprechenden Regenschirm gerade recht angeflogen. Ben Whi­shaw (der aktuelle Q von James Bond) und Emily Mortimer („Match Point“) sind als erwachsene Geschwister Banks überaus herzlich. Emily Blunt („Sicario“) dagegen beweist in der Titelrolle der süffisant-brüsken Nanny ihre Vielseitigkeit. Gerade über eine zu zuckersüße Interpretation der Mary hatte sich die Autorin 1964 echauffiert. Die brachte Julie Andrews damals den Oscar ein – für ihre erste Filmrolle überhaupt.

Wie damals erleben die Kinder mit Mary Poppins allerhand fantastische Abenteuer. Auch 2018 werden dabei – wie schon im Original – Real- und Trickfilm kombiniert. Gerade das wollte Travers einst unbedingt verhindern. Die Ausflüge ins Badewannen-Meer, in die Welt der handgezeichneten Porzellanschale oder zu Marys exzentrischer Cousine Topsy (Meryl Streep) machen Spaß. Auch Laternenanzünder Jack (Lin-Manuel Miranda) ist wieder mit von der Partie, kann aber – zumindest in der deutschen Synchronfassung – den Witz seines Cockney-Arbeiter-Akzents nur selten zur Geltung bringen. Die Tanzeinlagen sind in pittoresken Londoner Settings aufwändig choreografiert. Speziell die vielen farbenfrohen Kostüme von Oscar-Gewinnerin Sandy Powell sind ein Augenschmaus.

„Mary Poppins Returns“ ist 100 Prozent Disney. Alles Dunkle, etwa der Tod der Mutter, wird ausgeblendet. Oder besser gesagt: mit süßlichem Zuckerguss überzogen. P. L. Travers hätte wohl auch die Rückkehr ihres Kindermädchens verteufelt.


Kommentieren


Schlagworte