Ein fast vergessener Bergbau im Stanzertal

In den Lechtaler Alpen im Stanzertal schürften Knappen wiederholt nach Erzen. Bei Strengen ist Hobbyforscher Paul Ruppe auf Spuren des Manganabbaus gestoßen.

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Rollen und Wagen der Materialseilbahn liegen noch heute im Gelände.
© Wenzel

Von Helmut Wenzel

Strengen –„Beim Tobel, unweit von meinem Elternhaus, war die Seilbahn-Talstation.“ Daran erinnert sich der in Strengen-Klaus aufgewachsene Paul Ruppe (62). So richtig neugierig geworden ist er aber erst in fortgeschrittenem Alter. Nachdem der gelernte Maschinenschlosser verrostete Kabel, Rollen und Transportwagen im Wald gefunden hatte, entwickelte er Interesse am Zweck der Anlage: „1956 bis 1959 haben bis zu 15 Arbeiter Manganerz abgebaut. Im Auftrag der Firma RTW. Es war ein Tagbau am Rücken der Eisenspitze, bis auf 2300 m Seehöhe.“

Die alte Manganhütte.
© Archiv Ruppe

Im Strenger Dorfbuch sind dem Manganabbau nur spärliche Informationen gewidmet. Demnach soll Mangan (wird als Legierungsbestandteil zur Stahlproduktion verwendet) im Stanzertal schon vor dem Zweiten Weltkrieg abgebaut worden sein. Auch die Nazis hatten Interesse, Göring soll einen Versuchs­stollen in Auftrag gegeben haben.

Ruppe hat inzwischen unzählige Details zusammengetragen, etwa die technischen Daten der Seilbahn. „Es war eine Bleichert-Bahn aus Leipzig, Baujahr 1900. Es gab eine obere und eine untere Bahn mit einer Gesamtlänge von 2670 Metern.“ Damit konnten, so Ruppe, im Jahr 1957 rund 300 Tonnen Manganerz ins Tal transportiert werden.

In den 50er-Jahren waren die RTW (Reuttener Textilwerke, vor 20 Jahren stillgelegt) bzw. deren Tochter Ferro Mangan, ein Stromproduzent, der Auftraggeber für den Manganabbau in Strengen. „Man hatte in Reutte offenbar überschüssigen Strom“, schildert Ruppe. Der Strom sei zum Schmelzen bzw. zur Elektrolyse genutzt worden, um Mangan zu veredeln.

Den 80 m tiefen Versuchsstollen soll Hermann Göring in Auftrag gegeben haben.
© Archiv Ruppe

Die Bergarbeiter, die auf der „Thaja“ in 1800 m Seehöhe übernachteten, kamen aus dem Dorf. Ihr anstrengender Job war bestens bezahlt. „Sie haben 1700 Schilling verdient, der Vorarbeiter bekam 2000 Schilling. Viel Geld für damals“, hat der Hobbyforscher herausgefunden. „Manchmal haben sie Stoffe oder auch Hosen von den RTW bekommen.“ Die Bahn sei täglich acht Stunden gelaufen, auch samstags wurde gearbeitet.

Gekocht und die Bergarbeiter mit Essen versorgt hat die heute 82-jährige Hanna Köll aus Strengen-Klaus. Zubereitet habe sie die Mahlzeiten auf der „Thaja“. „Da war alles primitiv eingerichtet.“ Einmal habe sie Schaffleisch mit Knödeln gemacht, erinnert sich die rüstige Pensionistin im Gespräch mit Ruppe. Im Dorf habe sie Lebensmittel eingekauft und mit dem Rucksack auf den Berg getragen. Die warmen Mahlzeiten musste sie dann noch 300 Meter bergauf schleppen.

Trotzdem sei es eine schöne Zeit gewesen. „Angestellt war ich damals nicht. Aber von den Arbeitern habe ich ein paar Schilling bekommen.“ Zum Andenken an ihren Einsatz beim Bergbau bewahrt sie einen 20 Zentimeter langen Mangan-Schmuckstein in ihrem Wohnzimmer auf.

Wegen sinkender Rentabilität sei der Manganabbau 1959 eingestellt worden. Ruppe restauriert in der Werkstätte seines Arbeitgebers, Baufirma Streng, diverse Fundstücke vom Bergbau. Ob er ein Museum einrichten will? – „Das wäre wohl eine Schuhnummer zu groß für mich.“


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