Claus Peymann: „Unsere Welt ist ins Schlingern geraten“ 1

Wien (APA) - Claus Peymann ist wieder in Wien. Der ehemalige Burgtheater-Direktor probt Ionescos Farce „Die Stühle“. Die Premiere am 26. Jän...

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Wien (APA) - Claus Peymann ist wieder in Wien. Der ehemalige Burgtheater-Direktor probt Ionescos Farce „Die Stühle“. Die Premiere am 26. Jänner im Akademietheater werde wohl seinen Abschied von der Burg bedeuten, da ihm Martin Kusej „eine klare Absage erteilt“ habe, sagt der 81-Jährige im APA-Interview: „Auch, wenn ich ein bisschen traurig bin, dass er mich so aufs Altenteil schiebt, wünsche ich ihm Glück.“

In einem von gelegentlichen Einwürfen unterbrochenen großen Abschiedsmonolog spricht Peymann über Eugene Ionesco und Thomas Bernhard, Martin Kusej und Frank Castorf, den zweijährigen Sebastian Kurz und den „Gefährder“ H.C. Strache, das Burg- und das Volkstheater, den ausgeträumten Traum des Weltverbessers und die Visionslosigkeit von Theater und Politik.

APA: Herr Peymann, Sie inszenieren nun am Akademietheater Ionescos „Die Stühle“. Als Regisseur haben Sie bisher einen Bogen um das sogenannte absurde Theater gemacht.

Peymann: Das stimmt, ich habe das nie gemacht. Aber es ist ja nie zu spät! (lacht) Heute habe ich allerdings den Eindruck, dass bestimmte Themen unserer verrückt gewordenen Welt in den Theaterstücken der „Absurden“ besser aufzufinden sind als zum Beispiel bei Brecht, Heiner Müller oder Hochhuth. Aber auch in der Welt des großen österreichischen Dramatikers Thomas Bernhard blitzt der heutige Wahnsinn unserer Gesellschaft auf. In seinem Roman „Holzfällen“ verkündet der Burgschauspieler: „Die einzig wahre Welt ist die absurde Welt!“. Heute, zwischen Trump und Erdogan, ist unsere Welt ins Schlingern geraten. Der Begriff „Absurdität“ bekommt einen ganz neuen Sinn. Folgerichtig spielen die Theater in der ganzen Welt Becketts „Warten auf Godot“ und „Endspiel“. Überall werden Ionescos „Die Nashörner“ gespielt, als große Metapher über den wiederkehrenden Wahn des Nationalismus. Mit seiner Farce „Die Stühle“ ist Ionesco ein großartiges, wahnwitziges Clownspiel gelungen, voll Komik und Groteske - über den Untergang der alten Welt. Und mit wem würde man herrlicher untergehen als mit Maria Happel und Michi Maertens!

APA: Was hat Sie bisher von den Autoren des absurden Theaters abgehalten?

Peymann: Die Uraufführungen der Theaterstücke von Handke, Bernhard und Hilde Spiel, Turrini, Jelinek und Ransmayr haben mich in den letzten Jahrzehnten vollständig in Beschlag genommen. In jeder Spielzeit ein neues Stück, eine Uraufführung in der Burg oder Akademie: Es war das Glück unserer Wiener Zeit, immer wieder die neuen Stücke der großen österreichischen Dramatiker zu zeigen. Dazu die europäische Klassik, vor allem Shakespeare. Und da ich nicht zu den „Schnellschützen“ gehöre wie zum Beispiel meine Regiekollegen Thalheimer oder Castorf, die alle sechs Wochen - egal wo - eine Premiere herausbringen müssen - aus welchen Grunde auch immer: Schaffensdrang, Geldnot oder weil die sechs Kinder von Castorf zu viel Geld verbrauchen - habe ich mir immer Zeit gelassen, pro Spielzeit nie mehr als zwei Inszenierungen herausgebracht. Selbst wenn man wie ich jetzt 81 Jahre alt ist, kommt da nicht so viel zusammen. Für Beckett war die ganzen Jahre George Tabori zuständig, der mit Beckett persönlich verbunden war. Heute und ohne ein eigenes Theater öffnet sich der Blick neu auf das ganze System gesellschaftlicher Absurditäten und das absurde Personal der heutigen Politikclowns wie Donald Trump und Konsorten.

APA: Sie habe sich aber eigentlich immer dem Trend widersetzt?

Peymann: Unbewusst. Ich habe nie etwas aus Gefälligkeit gemacht. Auch der Publikumsgeschmack in Wien war mir vollständig wurscht. Übrigens war ich auch nie ein sogenannter „Skandalregisseur“. Gewiss, manche Aufführungen haben große Erregungen ausgelöst. Manchmal bleibt nur die Ohrfeige, um ein Theaterpublikum wachzurütteln. Als wir 1966 Handkes „Publikumsbeschimpfung“ in Frankfurt uraufgeführt haben, war keiner von uns auf Skandal aus. Wir spielten die „Musik der Zeit“: Die 68-Revolte auf der Bühne des Theaters. Auch Thomas Bernhard suchte im „Heldenplatz“ nicht den Skandal. Er wollte die Wahrheit aufdecken über die Österreicher und die Nazidiktatur. „Österreich ist das erste besetzte Land und Opfer der deutschen Nazis gewesen“ - das war bis dahin die offizielle Lesart. Das sogenannte Bedenkjahr 1988 sollte zum Purgatorium werden. Das wollte niemand hören.

APA: Kürzlich gab es das 30-Jahr-Jubiläum der Uraufführung von „Heldenplatz“. Der heutige Vizekanzler gehörte damals zu den lauthals Protestierenden am Balkon, der heutige Bundeskanzler war damals gerade zwei Jahre alt.

Peymann: (lacht) Wenn wir wüssten, dass Strache den damals zweijährigen Kurz schon ins Theater mitgenommen hat, wäre damit das Geheimnis ihrer Freundschaft endlich gelüftet. Aber im Ernst: Das war damals ein großer Moment. Und dass der ORF dokumentiert hat, dass Strache damals der Oberrandalierer gewesen ist, freut mich natürlich. In dem ORF-Bericht sehen Sie das Gebrüll, das der politische, rechte Pöbel damals betrieben hat - ein einmaliges Dokument der Zeitgeschichte. Ist das der „Gefährder“ Strache in seiner Geburtsstunde? Ein Herumbrüller im dritten Rang der Burg? Jetzt beherrschen die gleichen Brüller das halbe Parlament und das halbe Land.

APA: Wie nehmen Sie die Atmosphäre in Österreich wahr, nach einem Jahr unter einer schwarz-blauen Regierung, die sich türkis-blau nennen lässt. Ist das ein Land, in dem eine rechtskonservative Wende schon vollzogen ist, die Deutschland erst bevorsteht?

Peymann: Es scheint so. Wir in Deutschland stehen ja auch gerade auf der Kippe. (seufzt) Ich bin manchmal froh, dass ich den eigentlichen Schrecken nicht mehr erleben werde - denn das passiert nicht morgen und auch nicht übermorgen. Der Untergang der EU, eine beginnende Wirtschaftskrise und das große Durcheinander in den traditionellen Strukturen der Politik lässt die Angst entstehen (ein fast unvorstellbarer Gedanke), es könne wieder Kriege geben - auch in Mitteleuropa. Nach 70 Jahren Frieden könnte das wieder Realität werden. Jedes Sicherheitsgefühl kracht da zusammen. Mit einer ideologisch-philosophischen Position ist der Sache nicht mehr beizukommen. Wir kennen den Feind nicht und können ihn auch nicht mehr erkennen. Mal ist es der Neoliberalismus, mal sind es die Fremden, die Zugereisten. Ist der Flüchtling, der Einwanderer aus dem Jemen, Syrien, aus Afrika, aus der Türkei, der „neue Jude“, der an allem schuld ist? Schon vor Jahrzehnten habe ich gesagt: Die Berliner Mauer ist nichts gegen die Mauern, die Europa aufbauen wird gegen die neuen Völkerwanderungen. Und Kanzler Kurz lässt einen der zwölf Panzerwagen der österreichischen Armee am Brenner aufstellen zur Abschreckung - das war ja ne‘ tolle Nummer!

(B I L D A V I S O – Zahlreiche Bilder von Claus Peymann sind im AOM abrufbar.)


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