Claus Peymann 2 - „Kusej hat mir eine klare Absage erteilt“

Wien (APA) - APA: Ionesco hat sich der Interpretation seiner Stücke immer verweigert....

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Wien (APA) - APA: Ionesco hat sich der Interpretation seiner Stücke immer verweigert.

Peymann: Das hat Bernhard auch und Handke. Das ist Privileg der Genies. Darunter habe ich immer gelitten. Der brave Bremer Peymann wollte immer alles wissen - bis Handke mich dann rausgeschmissen hat und Bernhard von einem Kaffeehaus zum nächsten vor mir geflohen ist. Ich hatte das Glück, dass ich einer Reihe von Genies begegnet bin. Ich anerkenne die Dichter als Sehende. Ich habe nie Schiller oder Goethe verfälscht, ich habe mich davor gehütet, Kleist umzudichten. Da war ich von Anfang an konservativ. Schon in den 70er-Jahren, als mich der Portier nicht ins Burgtheater lassen wollte, weil ich einen Vollbart und einen Parka trug und mich der damalige Direktor Klingenberg erst identifizieren musste, war ich konservativ. Ich war immer nur Vermittler zwischen dem Original und dem Publikum - eben wie ein guter Kapellmeister.

APA: Sie haben von „Warten auf Godot“ gesprochen, von „Endspiel“ und „Die Nashörner“ - alles Klassiker des Absurden. Wie kommen Sie auf „Die Stühle“?

Peymann: Es ist ein Theaterstück zum Abschiednehmen. Für mich persönlich, aber auch für die großartige Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann, die schon in meiner Zeit als Direktor in Bochum und später an der Burg eine wichtige Arbeits- und Weggefährtin war. Ein privater Abschied und ein Abschied von der Bühne. Vor einem imaginären, also nicht sichtbaren Publikum spielen die beiden Protagonisten ihr Lebensspiel und ihren Tod, ihren Abschied von der Welt. Das Konzept, die Menschen glücklich zu machen und die Welt zu verbessern scheitert. Es ist eine Freude, mit Maria Happel und Michi Maertens zusammen zu arbeiten. Ich freue mich auch auf die Arbeit im Akademietheater. In den 13 herrlichen, unruhigen - und auch für mich legendären - Jahren in Wien habe ich dort nur sehr selten gearbeitet. Ich musste immer in die Burg, weil viele Regisseure Angst hatten vor diesem Teufelshaus - übrigens auch Peter Zadek. In Zukunft werde ich an der Burg leider nicht mehr arbeiten. Kusej hat mir eine klare Absage erteilt. Er wird schon sehen, was er davon hat. (lacht)

APA: Wie ist Ihr Verhältnis zum kommenden Burgtheater-Direktor?

Peymann: Ich kenne ihn gar nicht. Ich habe eine gute Aufführung von ihm gesehen, „Der Weibsteufel“, mit der wunderbaren jungen Birgit Minichmayr. Sonst hab ich mit ihm nicht so viel zu tun gehabt. Durch den Kärntner Peter Handke bin ich ja ein bisschen trainiert im Umgang mit Kärntner Dickschädeln, mit ihrer Unberechenbarkeit, manchmal ihrem Zorn und ihrer Cholerik, aber auch mit ihrer Intelligenz, Empfindsamkeit und ihrer Musikalität. Ich habe ihm geschrieben: „Lieber Kusej, Karin Bergmann hat mich eingeladen, noch ein Stück an der Burg zu machen. Soll ich ein großes Stück machen? Dann müssen Sie mir aber versprechen, dass Sie das übernehmen, wenn es halbwegs gelingt. Eine Inszenierung von mir sollte mindestens ein Jahr oder länger laufen, sonst lohnt sich die viele Arbeit nicht. „ Seine Antwort: „Machen Sie lieber etwas Kleines.“ (lacht) Da hab ich Bescheid gewusst. Übrigens: Kusej hat ja immer wieder in Interviews erklärt, ich sei sein großes Vorbild am Burgtheater. Das ist ja prima, aber beschäftigen will man das Vorbild wohl nicht so gern...

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APA: Kusej stellt Ihnen quasi „Die Stühle“ vor die Türe...

Peymann: (lacht) Aber vielleicht wird er es sich gar nicht leisten können, darauf zu verzichten, wenn es gelingt... (klopft auf Holz) Kusej muss das Burgtheater in eine glückliche Zukunft führen. Auch, wenn ich ein bisschen traurig bin, dass er mich so aufs Altenteil schiebt, wünsche ich ihm Glück. Das Haus ist es wert. Die Stadt ist es wert. Das Land ist es wert. Und er muss beweisen, dass die ungeheuren Summen, die auch jene aufbringen, die nicht Besucher des Burgtheaters sind, es wert sind. Die Burg als Schatz!! Niemand darf auf den Gedanken kommen, das Burgtheater weiter herunterzufahren in der Subvention. Noch ist Wien vor dem deutschen Theatersterben beschützt worden. Aber jetzt höre ich, dass man überlegt, aus dem Volkstheater eine Gastspiel-Bühne zu machen, wie es jetzt überall Mode ist. Das wäre eine Katastrophe für die Stadt! Aus Bosheit würde ich mich dann freuen, wenn Paulus Manker das Volkstheater als Direktor bekäme und die ganze Bude an der Zweierlinie so richtig in die Luft sprengt... Wäre ich 20 Jahre jünger, wäre ich gerne Volkstheaterdirektor. Da ist reichlich Platz zwischen Föttinger an der Josefstadt und Kusej an der Burg. Ich selber war und bin ein anderer Phänotyp als beide. Ich habe immer, auch in der Burg, die Anarchie gesucht, das Chaos. Theater ist Unordnung! Das Burgtheater - wie jedes andere bedeutende Haus - würde, mit seinen wunderbaren Mitarbeitern, Schauspielern und Technikern, auch ohne jeden Direktor funktionieren: als „Stückefabrik“. Ich war ja als Burgtheaterdirektor der größte Störenfried im Haus. Der alte, weise Tabori sagte immer: „Das Theater IST Krise.“ Heute herrscht ja bei der Deutschen Bank und bei der Bundesbahn mehr Chaos als an den Sprechtheatern. Die heutigen Versuche die Freiheit einzudämmen durch organisatorische Zwangsauflagen, könnten am Ende in einer geordneten Grabesstille enden. Alles wird verboten in diesem neuen, modernen Biedermeier. Samstags wird natürlich nicht mehr probiert, die Arbeitszeiten der Schauspieler werden reglementiert, wie Beamte. Aber der Künstler-Beruf braucht Luft, Raum, Anarchie und Risiko!

APA: Ist der Offene Brief des Burg-Ensembles Jahre nach dem Abgang von Matthias Hartmann ein Beispiel für dieses neue Biedermeier?

Peymann: Mir kam das völlig lächerlich vor. Aber wie man das in Wien erwarten konnte, wird ja die ganze Attacke gegen Exdirektor Hartmann als Sturm im Wasserglas erklärt - und ausgewartet. Übrig bleibt jetzt nur ein Opfer, eine Person, die nur in der „zweiten Reihe“ der Hierarchie gehandelt hat. Ich wünsche der lieben Sylvie Stantejsky, die in ihrer Leidenschaft für die Burg ein zu hohes Risiko eingegangen ist und sich dann verstrickt hat, dass sie alles gut übersteht. Von ihrer unerlaubten Großzügigkeit haben alle gewusst und profitiert, natürlich auch Hartmann. Die Burg hat - wie immer - auch das überlebt.


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