Claus Peymann 3 - „Ich wollte immer lieber der König der Herzen sein“

Wien (APA) - APA: Insgesamt hat doch die #metoo-Bewegung, in deren Umfeld der Brief des Burgthetater-Ensembles zu sehen ist, viel Positives ...

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Wien (APA) - APA: Insgesamt hat doch die #metoo-Bewegung, in deren Umfeld der Brief des Burgthetater-Ensembles zu sehen ist, viel Positives bewirkt?

Peymann: Wahrscheinlich hat es auch im Theater katastrophale Erpressungen gegeben von Regisseuren zu Schauspielern und Schauspielerinnen aber auch von Schauspielern und Schauspielerinnen zu Regisseuren. Aber ist es etwa Zufall, dass so viele Ehen und Liebesbeziehungen aus der künstlerischen Arbeit entstanden sind? Bert Brecht und Helene Weigel, Peter Stein und Jutta Lampe, Ernst Haeussermann und Susi Nicoletti, die Trissenaar und Neuenfels... Heute lernen sich die Menschen an ihrem Arbeitsplatz kennen - hassen und lieben. Aber natürlich ist das Theater ein gefährliches Terrain: Wir stellen ja das Leben selbst dar in unserer Kunst. Da gibt es intime Begegnungen und komplizierte Gratwanderungen. Heute ist auf beiden Seiten eine gewisse Verkrampfung entstanden. Die Spontaneität weicht zu schnell der Angst. Der Saubermann, die Sauberfrau wird Maßstab. Aber natürlich: Es gibt, wie überall, auch im Theater schreckliche Begegnungen - und dagegen muss man sich wehren können ohne bestraft zu werden.

APA: Zurück zu „Die Stühle“. Ionesco hat auf Nachfragen des Uraufführungsteams 1952 nur so viel gemeint: „Das Thema des Stückes ist das Nichts.“ Wie bringen Sie das Nichts auf die Bühne?

Peymann: In der absurden Sprache Ionescos heißt es: „Paris ist vor vierhunderttausend Jahren untergegangen.“ Es ist eine Endzeit angebrochen. Dieses Endzeitgefühl und das Gelächter darüber, Freude, Melancholie und Schrecken dieser Endzeit vermittelt das „Greisen-Pärchen“. Die beiden geben einen großen Abend vor imaginierten Gästen, bei dem der Mann die Lösung des Welträtsels und allen Schreckens und aller Armut vorstellen will, sein Konzept für die Rettung der Welt. Er will und kann diesen Plan aber nicht selber formulieren und vortragen. Deshalb braucht er einen Redner. Eine ganze Gesellschaft versammelt sich im überfüllten Saal. Auftritt der Redner - und der Redner spricht nichts, er kann nichts sagen, er ist taubstumm. Dieser ausgeträumte Traum des Weltverbessers ist zugleich die Sprachlosigkeit der Künste heute, die Sprachlosigkeit des Theaters und letztlich auch die Sprachlosigkeit der Politik. Wir träumen immer von Visionen und Konzepten für eine bessere, gerechtere Gesellschaft. Aber es gibt keine Visionen mehr. Weder im Theater noch im Parlament. Bei Ionesco leben zwei einsame Menschen in ihrer verzweifelten, absurden Idylle und in ihren Überlebensspielen zusammen. Am Ende steht ihr Tod. Ist es eine Tragödie? Ist es eine Komödie? Die absurde Welt ist die wahre Welt...

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APA: In Ihrer Wohnung liegen überall Bücher von Marieluise Fleißer. Gilt ihr Ihre nächste Inszenierung?

Peymann: Vielleicht? Aber ich sage Ihnen nicht, wo. Von meinen nächsten Plänen könnte einiges auch in Wien und Umgebung stattfinden. Mal schauen.

APA: Das heißt, Sie werden wie Frank Castorf ein vazierender Regisseur?

Peymann: Daran muss ich mich erst gewöhnen. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Castorf und mir: Er macht an die sechs Inszenierungen pro Spielzeit, immer das gleiche Abziehbild, jede Inszenierung ein Kapitel im theatralischen Fortsetzungsroman. Damit wurde er der König der Feuilletons. Ich wollte immer lieber der König der Herzen sein. Mein Publikum war mein Publikum. Zum Teufel mit den Kritikern!

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Eugene Ionesco: „Die Nashörner“, Regie: Claus Peymann, Bühne: Gilles Taschet, Kostüme: Margit Koppendorfer, Mit Maria Happel und Michael Maertens. Akademietheater. Premiere: 23.1.2019, 19.30 Uhr. Nächste Vorstellungen: 25., 26., 28.1., Karten: 01 / 513 1 513, www.burgtheater.at)


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