Siebenjährige getötet - Bursch von Stimmen „blitzartig überfallen“

Wien (APA) - Im Unterschied zu seinem Kollegen Peter Hofmann zeigte sich der Linzer Kinder- und Neuropsychiater Werner Gerstl überzeugt, das...

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Wien (APA) - Im Unterschied zu seinem Kollegen Peter Hofmann zeigte sich der Linzer Kinder- und Neuropsychiater Werner Gerstl überzeugt, dass der Angeklagte im Tatzeitpunkt nicht zurechnungsfähig war. Eine innere Stimme hätte den 16-Jährigen „blitzartig überfallen“ und ihm „Pack zu!“ gesagt. Da habe der Bursch „in einem übermäßigen Aggressionsstau diesen ganz schlimmen Mord begangen“.

Gerstl meinte, der Angeklagte habe bereits mit acht oder neun Jahren zu halluzinieren begonnen, wobei er sich bei seinen Ausführungen auf eine eingehende Untersuchung und die dabei getätigten Angaben des 16-Jährigen bezog. Diese Untersuchung fand allerdings fünf Monate nach dem letzten Termin statt, den Hofmann mit dem Angeklagten hatte.

„Als er gemerkt hat, dass die Stimmen lauter werden, hat er nachgelesen. Mit zehn Jahren, in Fachbüchern, im Internet“, gab Gerstl die Erinnerungen des Angeklagten wieder. Sehr früh sei bei diesem die Vermutung gereift, er leide an Schizophrenie, was er seinen Eltern auch mitgeteilt hätte. Diese hätten das aber nicht wahrhaben wollen. Die Mutter habe ihm empfohlen, mehr zu essen, der Vater die Auffassung vertreten, der Sohn bilde sich seine Erkrankung nur ein. Die Stimmen hätten den Angeklagten zunächst nicht gestört, erläuterte der Psychiater: „Er war mit ihnen im Dialog.“ Bis zu elf Stimmen habe der Schüler gleichzeitig vernommen.

Mit der Zeit hätte sich aber „eine manifeste Form der schizophrenen Erkrankung“ entwickelt, bemerkte Gerstl. Zu den imperativen Stimmen wären Erscheinungen, wieder kehrende halluzinatorische Gestalten getreten: „Figuren, die ihm Angst gemacht haben.“ Ab November oder Dezember 2017 sei das psychopathologische Geschehen gefährlich geworden. Der Bursch habe etwa einen Freund gefragt, ob er lieber den Bauch aufgeschlitzt bekommen wolle oder von schwarzen Handschuhen erdrosselt werden möchte. In Bezug auf eine Freundin habe er konkrete Tötungsgedanken und Mordfantasien entwickelt, legte der Gutachter dar, wobei er sich auf von Kriminalisten sichergestellte Chat-Verläufe bezog.

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Im Februar und März wurden die Stimmen laut Gerstl „immer mordlustiger“. Der 16-Jährige sei in einen „Prozess des Gefährlich-Werdens mit sukzessiver Progredienz“ geraten. Er schließe aus, „dass allein Stress das Vollbild einer Schizophrenie ausgebildet hat, die vorher nicht vorhanden gewesen sein soll“, widersprach Gerstl in aller Deutlichkeit der Einschätzung Hofmanns.

Auf die Frage des vorsitzenden Richters, weshalb er zu einem anderen Ergebnis als Hofmann komme, verwies Gerstl auf den späteren Untersuchungszeitpunkt. Außerdem sei er „mehr auf die Entwicklungspathologie eingegangen“ und bediene sich einer anderen Exploration: „Ich hab‘ eine andere Technik.“


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