Willi Resetarits wird 70: Favoriten im Blut

Willi Resetarits wird heute 70. Als Sänger hat sich der einstige Ostbahn Kurti mehrmals neu erfunden. Doch ein politischer Kopf ist er geblieben.

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Willi Resetarits kam in Stinatz im Südburgenland auf die Welt. Schon als Kleinkind übersiedelte er mit seiner Familie nach Wien.
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Von Markus Schramek

Innsbruck, Wien –Willi Resetarits ist im Dauerstress. Nicht wegen Weihnachten. 70 Jahre wird der Sänger und Menschenrechtskämpfer heute, schon seit Wochen wird er herumgereicht: Händeschütteln, Auftritt bei Stermann und Grissemann, etliche Medieninterviews, und vor der Haustür stehen die Gratulanten Schlange. Angeblich mag er den Rummel um seine Person ja gar nicht.

Doch der Höhepunkt der geburtstäglichen Festivitäten steht noch bevor. Am 4. und 5. Jänner lassen Resetarits’ Wegbegleiter den Jubilar an zwei Abenden in der bummvollen Wiener Stadthalle hochleben. Zwölf Bands machen ihm die Aufwartung, von seiner ersten Schulcombo The Odds aufwärts. Zweimal eine solche Location zu füllen, nur weil man in die Jahre kommt: Man sieht schon, hier ist ein wirklich Großer zu ehren.

Geboren am 21. Dezember 1948 in Stinatz als Spross einer Familie von Burgenlandkroaten, wuchs Klein-Willi in Wien-Favoriten auf, im 10. „Hieb“ der großen Stadt. Mit dem Arbeiterbezirk als Erdung brachte es Resetarits, ein Schmähführer mit losem Mundwerk und großem Herzen, zur künstlerischen Reife. Die Schmetterlinge, seine erste einem größeren Kreis bekannte Band, schufen in den 70er-Jahren rockiges Politkabarett auf hohem Niveau. Die „Proletenpassion“, eine vertonte Geschichte der Beherrschten und Unterdrückten, ist das bekannteste musikalische Zeugnis jener Jahre.

Poseur, Frontmann und „Rockviech“. Willi Resetarits als Kurt Ostbahn bei einem Konzert anno 1992.
© imago/BRIGANI-ART

Den Auftritt der Schmetterlinge beim Eurovision Song Contest 1977 kann sich der Frontmann dagegen wohl bis heute selbst nicht erklären. Er passt nicht in seine Biografie. Denn geschmäcklerisch oder angepasst war der Willi (standesamtlich eigentlich Wilhelm) nie. Zur Ehrenrettung kann man daran erinnern, dass die Schmetterlinge mit dem Liedchen „Boom Boom Boomerang“ im Wettstreit der Belanglosigkeiten auf dem vorletzten Platz landeten.

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Richtig Fahrt nahm die Karriere in den 80er-Jahren auf. Musikjournalist und Songtexter Günter Brödl erfand die Figur des Ostbahn Kurti: ein Rockstar von nebenan, der den „Favorit’n and Blues“ quasi im Blut hatte.

Begleitet von der Chefpartie schlüpfte Resetarits in die Rolle des Kurti. Was als großer Spaß begann, schoss, auch kommerziell, regelrecht durch die Decke. Der Ostbahn Kurti wurde zum Hero einer alternativen Musikszene. Standards aus dem Songkatalog des Rock und Rhythm and Blues, mit Originalen von Bruce Springsteen bis Steve Miller, wurden von Brödl in „Weaner“ Szenejargon übersetzt. Mit Songs wie „Da Joker“, „Feuer“ oder „57er Chevy“ schaffen es Ostbahn und Co. in die Charts. Selbst Ö3 kam an der lauten Mundarttruppe nicht vorbei.

Brüder unter sich: Kabarettist Lukas und Willi Resetarits. Auf dem Foto fehlt der dritte Resetarits-Bruder Peter, bekannt als ORF-Moderator.
© APA/GEORG HOCHMUTH

Legendär, weil Stoff für allerhand Legenden, waren die Live-Konzerte des Herrn Ostbahn. Sicher ist so viel: Feuchtfröhlich ging es dabei zu, auf der Bühne und in der Fangemeinde, es wurde getrunken, getanzt, mitgegrölt, über Stunden. Und der Kurti gefiel sich im Habitus des Rockprofessors. Mit den Worten „Loshåbn tan wir scho wos“ pflegte er Solos der Chefpartie zu kommentieren. Es waren wilde, improvisierte Konzerte in Szenetreffs und unter freiem Himmel, mit viel Spaß und Kopfweh danach.

Und plötzlich war alles anders. Günter Brödl, von Willi R. anerkennend „Trainer“ gerufen und wie Resetarits’ Schatten auf Tour immer mit dabei, ereilte im Jahr 2000 der plötzliche Herztod. Mit nur 45 Jahren. Sein Freund Willi verlor daraufhin die Lust am wilden Rockerleben des Kurt Ostbahn. Diesen entließ er 2003 schließlich in die Pension. Der Künstler Resetarits musste sich neu erfinden. Nicht zum ersten Mal.

Jetzt begann die musikalisch hochwertigste Phase im Leben des Sängers. Er scharte hervorragende Musiker um sich und ging mit Projekten wie dem Stubnblues wieder auf Tournee. Mit vertonten Gedichten und Volksliedern, auch solchen in seiner ursprünglichen Muttersprache Kroatisch, setzte er neue Akzente. Und auf Radio Wien spendete der geborene Entertainer „Trost und Rat“ (in der gleichnamigen Sendung).

Willi Resetarits ist immer ein politischer Kopf gewesen. Er spricht Klartext, wenn er etwas zu sagen hat. Erst kürzlich nahm er sich in einem Interview die heimische Politik zur Brust. Im Wahlkampf sei „Rufmord an den Flüchtlingen“ betrieben worden. Die FPÖ wolle gar nicht, dass sich jemand integriere.

Um Flüchtlinge kümmert sich Resetarits selbst schon lange. In den 90er-Jahren war er Initiator des Integrationshauses in Wien, eines Projekts der Flüchtlingshilfe. „Der Willi“ hat nicht nur den Blues im Blut, er hat auch eine starke soziale Ader.


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