Maler Arik Brauer: „Frauen-Revolte ist die größte, die es je gab“ 1

Wien (APA) - Wenn Arik Brauer lässig über die vereiste Vortreppe seines Hauses in Wien-Währing trippelt, um seine Gäste zu begrüßen, scheint...

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Wien (APA) - Wenn Arik Brauer lässig über die vereiste Vortreppe seines Hauses in Wien-Währing trippelt, um seine Gäste zu begrüßen, scheint es unglaublich, dass der Maler am 4. Jänner seinen 90. Geburtstag feiert. Im Vorfeld der Feierlichkeiten, zu denen ein Stück seiner Tochter Ruth Brauer-Kvam im Rabenhof zählt, sprach er mit der APA über Einwanderung, die FPÖ, die 1930er und die Errungenschaften von 1968.

APA: Für die Rabenhof-Produktion „Arik“, die an ihrem Geburtstag Premiere feiert, haben Sie das Bühnenbild beigesteuert, ihre Tochter erzählt aus Ihrem Leben und interpretiert unter der musikalischen Leitung ihres Mannes Kyrre Kvam Ihre Lieder. Wie geht es Ihnen mit dieser Art der Würdigung?

Arik Brauer: Ich glaube, dass es sehr originell wird. Das Bühnenbild durchläuft eine Metamorphose, es ändert sich im Laufe des Abends. Welche Lieder und Texte meine Tochter ausgesucht hat, weiß ich nicht. Es ist beglückend, wenn man Kinder und Enkelkinder hat, die sich für den Vater oder Großvater interessieren, das ist ja eher selten. Ruth ist eine kreative Künstlerin und ich bin sicher, dass das sehr gut wird. Ihr Mann ist ein Spitzenmusiker, der wird das natürlich total verwurschten, das hoffe ich auch. Es ist ja eine ganz andere Generation in einer ganz anderen Zeit.

APA: Sie haben immer wieder betont, dass es Ihnen in den 1960ern und 1970ern mehr um die Botschaft der Texte ging als um die Musik. Wenn Sie zurückblicken: Haben Songs als Träger politischer Aussagen im Laufe der Jahre an Kraft verloren?

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Brauer: Das Lied war ja von Anfang an nichts anderes als ein überhöhtes Sprechen. Man will etwas mitteilen und damit man gehört wird, stimmt man Töne an. Ich bin ja kein Berufsmusiker. Ich verstehe zu viel von Musik, um mich für einen Musiker zu halten. Aber ich habe eine gute Musikalität und ich kann eine Melodie machen, die in die Ohren geht.

APA: Und was den revolutionären Charakter betrifft?

Brauer: Ich wollte mit den Liedern einen Beitrag zu der in der damaligen Zeit ja noch in keiner Weise aufgearbeiteten Nazivergangenheit leisten. Die Überwindung dieses geistigen Traumas war ja ein zentrales Thema in Österreich und Deutschland. Ich war natürlich auch von H.C. Artmann inspiriert, der mich damals in Paris besucht und angespornt hat. Die Texte sind insofern teilweise noch aktuell, weil sich der Mensch nicht so schnell ändert. Dass er das „Köpferl in den Sand“ steckt, ist geblieben und wird so bleiben, weil das ein Teil unseres Wesen ist. Was sich ändert, sind die äußeren Umstände. Da ist aber auch vieles aktuell. Ich muss zu meiner Ehre sagen, ich habe Umweltprobleme empfunden, bevor es das Wort Umwelt gab.

APA: Sie haben 1968 in Paris live miterlebt. Wenn Sie 50 Jahre später zurückblicken: Was wurde erreicht, was ist geblieben?

Brauer: Wie alle Revolutionen geht es zuerst einmal in die Hose. Es wird überzogen und kontraproduktiv, mit den Terrorakten in Italien und Deutschland ist das zusammengebrochen. Es ist aber auch viel übrig geblieben: In der Kindererziehung, der Einstellung zur Frau und zur Homosexualität. Das sind ja lauter grundlegende menschliche Themen, an denen davor noch nie gerüttelt wurde. Die Revolte der Frauen ist die größte Revolution, die die Menschheit je sah. Weil da geht es nicht um eine Klasse, eine Rasse oder eine Weltanschauung: Es geht um die Hälfte der Menschheit.


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