Die letzten Geheimnisse eines Schriftstellers

Die Beziehungskomödie „Die Poesie der Liebe“ ist auch eine Satire über den Kulturbetrieb: Der Weg nach oben gelingt mit moralischen Defekten.

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Nicolas Bedos und Doria Tillier haben „Die Poesie der Liebe“ geschrieben und spielen die Adelmans.
© polyfilm

Von Peter Angerer

Innsbruck –Bei der Trauerfeier für den Bestsellerautor Victor Adelman (Nicolas Bedos) rühmt Jack Lang den Kampf des Verstorbenen gegen Lüge und Verdrängung. Was nach einem Besetzungscoup aussieht, ist für die Franzosen freilich TV- und Kinoalltag, denn François Mitterands Kulturminister, der in den 1980ern erfolgreich gegen Hollywoods Hegemonialmacht gekämpft hat, ließ sich – auch in seiner Amtszeit nicht gerade uneitel – schon in über 100 Filmen feiern. Entsprechend angewidert von Langs Lobhudelei bittet Adelmans Witwe Sarah (Doria Tillier) einen Journalisten (Antoine Gouy) in das Arbeitszimmer des Toten. Nach „viel zu vielen Biografien“ soll die Öffentlichkeit endlich die Wahrheit über das verehrte Acadamie-Mitglied erfahren.

Für „Die Poesie der Liebe“ (im Original „Monsieur & Madame Adelman“) konnten sich Nicolas Bedos und Doria Tillier auch der Mitwirkung Pierre Arditis versichern, der zum engen Kreis um Alain Resnais gehörte und so ihrem Kinodebüt als Autoren und Regisseur den Anschein der Kontinuität innerhalb der französischen Kinogeschichte verleiht.

Arditi spielt in „Die Poesie der Liebe“ Victors Vater, den reaktionären Industrie- und Familienpatriarchen Claude de Richemont, der Mao und Mitterand in seinen Topf der Klassenfeinde („Kommi ist Kommi!“) wirft. Der junge Schriftsteller muss sich also erst einmal von den Zwängen seiner Herkunft befreien, ohne auf Zuwendungen verzichten zu müssen, bevor er in den 70ern in die Pariser Boheme eintauchen kann.

Auf angenehme Weise ist, nachdem sich die revolutionären Pforten geschlossen haben, von den Slogans nur noch Promiskuität geblieben, von der auch Sarah reichlichen Gebrauch macht. Die Literaturwissenschafterin lebt bei ihren Eltern, die noch das Jiddische pflegen. Bei den Adelmans hört Victor, der in seinem Frühwerk Sartre und Camus imitiert, erstmals von Isaac Bashevis Singer, Philip Roth und Georges Perec und damit auch erstmals vom jüdischen Humor in der Literatur. Dazu müsste Victor als Autor eigentlich in einer Höhle gelebt haben, aber so funktioniert Komödie.

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Endgültig überzeugt ist Victor, als Sarahs Vater begeistert demonstriert, wie sich am Beispiel von „Portnoys Beschwerden“ Masturbation und Weltpolitik verknüpfen lassen.

Inspiriert vom Wunder der Metamorphose kann Victor endlich hemmungslos in seine Remington hämmern. Auf das Deckblatt des Manuskripts über die Familiengeschichte der Adelmans, die der Shoah entronnen sind, schreibt er Victor Adelman. Die Skrupel, aus dem Grauen der anderen Kapital zu schlagen, sind schnell beseitigt, als er beim Prix Goncourt über den verhassten Patrick Modiano triumphieren kann. Auch bei den folgenden Bestsellern geht der Autor buchstäblich über Leichen.

Wenn sich die aufgeklärten Adelmans mit den ersten Millionen herrschaftlich einrichten und ausschließlich farbiges Personal auswählen, um „das schlechte Gewissen der ehemaligen Kolonialmacht“ zu kultivieren, ist der satirische Blick auf die Ära und den Literaturbetrieb zu spüren. Da jedoch 45 Jahre mit allen Konflikten einer Beziehungskomödie in zwei Stunden abgespult werden, muss wie auf einer Teststrecke Tempo gemacht werden. Dabei verkommen wichtige Nebenfiguren wie Victors alkoholkranke Mutter schnell zu Karikaturen.


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