Der Fall Relotius: Selbst den Wald gibt es nicht

Der Blender und die, die sich blenden ließen: Der Fall Relotius erinnert an den Skandal um Tom Kummer. Und ist doch um einiges ernster.

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Beim „Spiegel“ versagten die Kontrollmechanismen: Das Magazin veröffentlichte mindestens 14 gefälschte Artikel.
© imago stock&people

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Die Stadt Fergus Falls hat – laut Wikipedia – rund 13.000 Einwohner und liegt im Nordwesten des US-Bundesstaates Minnesota. Die nächstgrößere Stadt ist, keine 100 Kilometer entfernt, Fargo. Die Filmemacher Joel und Ethan Coen machten Fargo 1995 zum Schauplatz einer irrwitzigen Räuberpistole inklusive zerhäckselter Leiche. Darüber hat sich in Fargo niemand aufgeregt. Obwohl die Coen-Brüder ihrem 1997 mit dem Oscar ausgezeichneten Drehbuch ein „based on a true story“ vorausschickten. „Fargo“, der Film, ist Fiktion.

Claas Relotius’ im März 2017 im deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel erschienener Artikel „In einer kleinen Stadt“ regte in Fergus Falls viele auf.

Noch bevor Der Spiegel am Mittwoch öffentlich machte, dass Relotius es in seinen Reportagen mit den Fakten nicht allzu genau nahm, begannen Michele Anderson und Jake Krohn, beide leben in Fergus Falls, den Artikel auseinanderzunehmen. Fergus Falls ist die Stadt, die Relotius beschrieben haben will. Als Exempel für jenes Amerika, in dem Donald Trump die Präsidentschaftswahl 2016 für sich entschied. Auch Relotius’ Fergus Falls ist Fiktion. Das stellen Anderson und Krohn in ihrem „Der Spiegel journalist messed with the wrong small town“ überschriebenen Artikel in elf Punkten klar. Selbst den Wald, den der Reporter am Ortseingang ausgemacht hat, gibt es nicht. Dass das „Mexicans Keep Out“-Schild neben dem Ortsschild erfunden war, erklärte bereits Spiegel-Redakteur Ullrich Fichtner in seiner Rekonstruktion des Falls „in eigener Sache“. Kritik an Fichtners Reportage über die Aufdeckung eines Fake-Reporters blieb nicht aus. Stefan Niggemeier, ehemaliger Spiegel-Mitarbeiter, ortete Selbstgerechtigkeit, wenn es um die Rolle des Magazins selbst geht. Relotius habe alle geblendet, „aber wie gern sich alle von ihm blenden ließen“, so Niggemeier auf seiner Online-Plattform uebermedien.

55 Artikel hat Claas Relotius seit 2011 im Spiegel veröffentlicht. Mindestens 14 entpuppten sich als Fälschungen: Begebenheiten und Zitate wurden den Geschichten, die erzählt werden wollten, angepasst.

Inzwischen hat sich auch Traute Lafrenz, die letzte Überlebende der „Weißen Rose“, von einem Interview, das Relotius mit ihr geführt hat, distanziert. Passagen des Textes, der im September erschien, dürften erfunden sein.

Viermal hat Relotius seit 2013 den Deutschen Reporterpreis erhalten. Bevor ihm die Auszeichnungen aberkannt werden konnten, hat er sie gestern zurückgegeben. Mittels SMS.

Der Spiegel kündigt umfassende Aufarbeitung an. Eine Kommission soll klären, wa­rum Prüfmechanismen versagt haben. Auch die Süddeutsche Zeitung prüft. Zwei von Relotius im Magazin des Blattes publizierte Interviews seien manipuliert, teilte die SZ gestern mit.

Der Fall Relotius erinnert an den Skandal um Tom Kummer, der in den 90er-Jahren Promi-Interviews fälschte. 2000 flog der „Borderline-Journalist“ auf – und erklärte seine Arbeiten zur Kunstform. Relotius allerdings arbeitete sich nicht an Showbiz-Oberflächen ab. Er griff ernstere Themen auf. Er schrieb über Krieg, über Verfolgte und Geflüchtete. Nun ist auch er aufgeflogen. Wasser auf die Mühlen jener, die schon davor „Lügenpresse“ brüllten.


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