Notschlafstelle in Kufstein: Wenn ein warmes Bett zum Luxus wird

Seit Mitte November finden Wohnungslose in der Notschlafstelle Kufstein Unterschlupf in kalten Nächten.

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In der simpel eingerichteten Wohnung kann Notschlafstellenleiter Bernhard Kapfinger bis zu zwölf Menschen einen warmen Schlafplatz bieten.
© Hrdina

Von Jasmine Hrdina

Kufstein –Es klingelt an der Tür, dahinter ein Schutzsuchender. Bernhard Kapfinger bittet den Fremden in die Küche, reicht erstmal eine Tasse warmen Tee. Woher, wieso? Der Sozialarbeiter fragt nicht nach, „aber wenn jemand reden will, bin ich da“.

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Diskretion und Niederschwelligkeit sind in der Winternotschlafstelle Kufstei­n oberstes Credo. Seit Mitte November ist die neue Einrichtung der Tiroler Sozialen Dienste (TSD) in Betrieb. Der Standort in einem Asylheim sorgte im Vorfeld für Diskussionen – unter anderem, weil das Vorhaben erst wenige Tage vor der geplanten Eröffnung öffentlich gemacht wurde. Etwas mehr als einen Monat später scheinen sich die Wogen geglättet zu haben, am Bedarf der Einrichtung bestand ohnehin wenig Zweifel.

Und damit sollte man Recht behalten, wie Notschlafstellenleiter Kapfinger im Gespräch mit der TT erzählt. In der ersten Nacht sei es noch ruhig gewesen, doch schon am Abend darauf suchte der erste Klient Unterschlupf. Bis heute hätten zwölf Personen (insgesamt 40 Übernachtungen) dort die Nacht verbracht. Kapfinger: „Manche wollen gar nichts erzählen, andere weinen sich stundenlang an meiner Schulter aus. Beides ist für mich okay, wir sind da.“

Wer steht da vor der Tür, wenn es in der Empfangszeit von 18 bis 21 Uhr klingelt, mitten im schönen Städtchen Kufstein? Der schmutzige „Sandler“, den man aus Filmen kennt, war es jedenfalls noch nie, meint der TSD-Mitarbeiter. „Häusliche Gewalt ist oft Thema bei Frauen. Aber auch Streits und Trennungen führen dazu, dass jemand nicht mehr weiß, wo er bleiben soll.“ Auch viele Flüchtlinge seien unter den Hilfesuchenden.

In der Kufsteiner Carl-Schurff-Straße 7 finden sie ein warmes Bett für die Nacht. Die Wohnung ist pragmatisch eingerichtet, es gibt ein Bad mit Waschmaschine und Duschmöglichkeit. Auf der Spiegelablage liegt eine Zahnbürste. „Weil noch nicht viel los ist, darf dieser Dauergast seine Sachen vorerst liegen lassen“, drückt Kapfinger ein Auge zu. Normalerweise werden die Habseligkeiten tagsüber in Plastiksäcken verstaut und weggesperrt.

Im Schlafsaal markiert ein Polster den Rückzugsort des Besuchers. Vier Doppel-Stockbetten warten dort auf müde Leiber. Am Boden hat jemand rot­e Badesandalen zurückgelassen, ein Handtuch hängt zum Trocknen über dem Bettgerüst. Die vier Schlafplätze im Nebenraum sind für Frauen reserviert, erklärt der Quartierleiter und öffnet die Tür zum angrenzenden Betreuerraum. Ein einfaches Bett steht am Fenster, ein Tuch schützt vor neugierigen Blicken durch ebendieses. An der Wand lehnen Plastiksäcke, in denen benützte Einmal-Bettwäsche, wie sie auch der Rettungsdienst verwendet, lagert.

Auf die Hilfe Ehrenamtlicher sei man angewiesen. Oft bleiben Asylwerber, die in derselben Wohnanlage leben, als Ansprechpartner für die Klienten über Nacht. „Man unterschätzt die Hilfsbereitschaft dieser Menschen“, meint Kapfinger. „Diese Betreuer sprechen gut Deutsch, sie müssen ja fallweise auch mit den Krankenhäusern kommunizieren.“

Über weitere Unterstützung würde man sich freuen, betont er. Aufräumen helfen, einfache Gerichte kochen – jeder Handgriff zählt. Kapfinger selbst serviert gerne Nudeln mit Tomatensauce. Jedenfalls etwas Vegetarisches, damit es jeder essen kann, man habe schließlich „Kundschaft aus der ganzen Welt“. Zum Frühstück werden Brötchen aufgebacken, dazu Marmelade und Kaffee gereicht. Um acht Uhr müssen die Gäste die Notunterkunft wieder verlassen. Manche kommen abends wieder. Ein Schlafplatz allein ist aber nicht alles: Eine Sozialberatung erhält jeder, der sie will, fügt Kapfinger hinzu, „damit die Menschen wieder in die Spur finden“.


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