Experte: Rückzug der USA aus Syrien für Europa nicht positiv

Wien (APA) - Der Rückzug der USA aus Syrien ist aus europäischer Perspektive nicht positiv zu sehen. Dies sagte Brigadier Walter Feichtinger...

  • Artikel
  • Diskussion

Wien (APA) - Der Rückzug der USA aus Syrien ist aus europäischer Perspektive nicht positiv zu sehen. Dies sagte Brigadier Walter Feichtinger, Leiter des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktmanagement des Österreichischen Bundesheeres, am Donnerstagvormittag im APA-Interview. „Ein Wiedererstarken des IS in Syrien würde automatisch die Sicherheitslage in Europa verschlechtern“, erklärte Feichtinger.

Seiner Einschätzung zufolge ist die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) nicht geschlagen. „Wir wissen, dass der IS nach wie vor tätig ist und auch immer wieder militärische, also kämpferische Aktionen in Syrien startet.“ Es sei zwar das Kalifat, das zusammenhängende geografische Gebiet, zerschlagen, der IS aber weiterhin in Zellen vorhanden. „Er hat sicher das Potenzial, wieder stärker heranzuwachsen“, so der Experte.

Der Rückzug der USA habe eine mehrfache Bedeutung in der Region. „Zum Einen bedeutet er offensichtlich eine Art freie Hand für die Türkei“, sagte Feichtinger. Es habe in der letzten Zeit sehr große Spannungen zwischen den USA und der Türkei gegeben, weil die USA aufseiten der Kurden im Nordosten Syriens engagiert waren. Dies sei der Türkei sehr unangenehm aufgestoßen. Ein Rückzug der USA schwäche nun das kurdisch-arabische Militärbündnis, die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF). Zweitens sei es ein politisches Signal, dass man die Zukunft Syriens Russland, dem Iran und auch der Türkei überlasse, so der Experte.

Spekulationen über die Beweggründe der USA für diese Entscheidung hält Feichtinger für unseriös. „Was wir wissen, ist, dass es bestimmte Problemlagen gegeben hat“, sagte der Brigadier. Den USA sei das Verhältnis zur Türkei sehr wichtig, dies sei auch im Zusammenhang mit der NATO zu sehen, erklärte er.

TT-ePaper testen und eine von 150 Jahre-Vignetten 2021 gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

TT ePaper

„Ich kann mir vorstellen, dass das Abwägen zwischen der Notwendigkeit der Beziehung zu den Kurden und der Bekämpfung des IS gegenüber einer tragfähigen Allianz und Zukunft des türkisch-amerikanischen Verhältnisses ziemlich eindeutig ausgegangen ist.“ Die USA wollten wegen Syrien keine Probleme mit der Türkei haben, so Feichtinger. Dass die USA Interesse am Weiterbestehen des IS habe, hält der Experte „für eine eher verschwörerische Theorie“. „Wenn man das Interesse hätte, dann müsste man dortbleiben. Das ist für mich nicht logisch.“

Die SDF hatten am Donnerstag davor gewarnt, dass durch einen Angriff der Türkei auf die kurdischen Gebiete sehr viele Jihadisten aus den Gefangenenlagern entkommen könnten. Diese Gefahr ist laut Feichtinger „sicher nicht auszuschließen“. „Das ist ein Mittel, das wir aus vielen anderen Konflikten kennen, dass man die Gefängnistore öffnet“, sagte er.

Ob es zu diesen chaotischen Zuständen komme, bleibe abzuwarten. Erstens sei noch nicht gesagt, dass die Türkei die angekündigte Offensive tatsächlich starte, zweitens hätte sie in dem Fall sicher lokale Verbündete und es würde Absprachen im Hintergrund geben, um eine chaotische Entwicklung zu vermeiden.

Ein politisches und militärisches Machtvakuum sieht Feichtinger durch den Abzug in der ersten Phase nicht entstehen, da die USA „keine so starke Rolle“ spielten. Das Geschehen in Syrien werde von Russland dominiert, an zweiter Stelle komme der Iran und an dritter die Türkei. Bei den Kurden sei eine Orientierungslosigkeit und Demotivierung erwartbar.

Gleichzeitig gewinne in Syrien das „arabische Momentum“ wieder an Bedeutung, sagte der Brigadier und nannte den Besuch des sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir zu Wochenbeginn in Damaskus als Beispiel. „Hier gibt es offensichtlich ein Bestreben, Syrien ins arabische Lager zu holen. Dies ginge natürlich zulasten des Iran.“

Es gebe im Hintergrund ein starkes Bemühen arabischer Staaten, den Einfluss des Iran generell, aber insbesondere auch in Syrien, zurückzudrängen. In den nächsten Monaten werde vermutlich zu erkennen sein, welche weiteren Angebote an den syrischen Machthaber gemacht würden, prognostizierte Feichtinger.

(Das Interview führte Gisela Linschinger/APA)


Kommentieren