Kufsteiner Netzwerk der Nächstenliebe wächst

Im Vorjahr wurde dem 15-jährigen Bolivianer Juan Pablo am Krankenhaus Kufstein ein neues Leben geschenkt. Er und viele Tausende Kinder und Jugendliche können auf Hilfe aus Tirol bauen.

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Ein glückliches Wiedersehen: Gerlinde Schernthaner und Bernhard Spechtenhauser (oben, v. l.) und Josef Schernthaner (r.) bei Juan Pablo und dessen Familie.
© Brillos

Von Wolfgang Otter

Kufstein –„Danke, du hast mir das Leben gerettet“ – Worte, die der Kufsteiner Primar Bernhard Spechtenhauser wohl schon oft aus dem Mund von Menschen gehört hat. Nicht nur in Tirol, sondern auch in Bolivien, wo sich er und seit fünf Jahren auch der Verein Brillos humanitär engagieren. Und doch berühren diese Worte immer wieder, wie der Chirurg erzählt.

So auch diesmal, als Spechtenhauser mit Gerlinde Schernthaner vom Verein Brillos und deren Ehemann, dem Wörgler Stadtarzt Josef Schernthaner, die Vereins-Projekte in Bolivien besuchte. Dort hörten sie diese Dankesworte aus dem Mund von Juan Pablo Cruz Millares. Einem14-jährigen Jungen, der sein Leben dem Einsatz von Spechtenhauser, dem Bezirkskrankenhaus Kufstein und dem viel zu früh verstorbenen Unfallchirurgie-Primar Helmut Breitfuß verdankt.

Der Bursch war an einem äußerst aggressiven Knochentumor erkrankt, der sich in seinem Gelenk breitgemacht hatte. Er konnte kaum noch essen und schlafen vor Schmerzen. Die einzige Chance, die die Ärzte in Bolivien sahen, war, dem 14-Jährigen den Arm abzunehmen. Die Folgen wären fatal gewesen: Zum einen hätte sich seine ohnedies arme Familie für die Operation noch höher verschulden müssen, mit dem Ergebnis, dass Juan Pablo keine Chance auf einen Job mehr gehabt hätte. Die ärztliche Kunst in Kufstein konnte ihn vor dem Bettlerleben bewahren.

Sie besuchten auch von Brillos finanzierte Schulen.
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Nun sah Spechtenhauser den nunmehr 15-Jährigen wieder. „Er hat zugenommen und ist gewachsen. Mittlerweile gehört er zu Besten in der Schule, er konnte alles, was er versäumt hat, wieder aufholen“, freut sich Spechtenhauser darüber, dass dem Jugendlichen eine Zukunft geschenkt wurde. Der Primar hatte damals die Flüge für den Burschen und den Vater aus der Privattasche finanziert, Breitfuß gratis operiert und das Bezirkskrankenhaus den Aufenthalt übernommen.

In Bolivien gab es nun beim jüngsten Aufenthalt von Spechtenhauser und dem Ehepaar Schernthaner ein Wiedersehen und ein großes Dankesfest für die Tiroler.

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Juan Pablo ist einer von mittlerweile Tausenden jungen Menschen, die dem Kufsteiner Mediziner und seinem Verein eine Zukunft verdanken. An die 3000 Schüler und Kinder haben in den von den Spendern finanzierten Schulen und Tagesheimen einen Platz gefunden. Besonders schön für Spechtenhauser ist, dass es von ihm unterstützte Studenten, die nun bereits erfolgreiche Architekten oder Ärzte oder Ähnliches sind, ihrerseits wiederum Hilfsbedürftigen unter die Arme greifen oder Brillos unterstützen. So breitet sich das Netzwerk der Nächstenliebe auch durch die Unterstützung der einst Hilfsbedürftigen immer weiter aus.

„Ich habe mir nie vorgestellt, das einmal so etwas Großes daraus wird“, erinnert sich Spechtenhauser an die Anfänge. 2002 war er erstmals in das südamerikanische Land gekommen, um dort wochenweise mit seinem medizinischen Können auszuhelfen. Die unglaubliche Armut, die er dort erlebte, veranlasste ihn dazu, die Hilfsorganisation zu gründen. Besonders die Kinder, die teils auf der Straße leben und mit Schuheputzen ihren kargen Lebensunterhalt bestreiten müssen, gingen ihm zu Herzen. Viele von ihnen sind der Schnüffeldroge „Clefa“, einem Schusterleim, verfallen. Diesen Schuhputzern widmete Spechtenhauser auch den Namen seiner Aktion: „Brillos“-Glänzer. Viele von ihnen haben mit Hilfe von „Doctore Bernardo“, wie er genannt wird, eine Ausbildung geschafft und leben nicht mehr unter der Brücke.

Die seither aufgebrachten Hilfsgelder steuern auf die Zwei-Millionen-Euro-Grenze zu, wie Spechtenhauser erzählt. Vor Ort wird die Verwendung von der Ordensoberin Rosa Maria von den Karmeliten überwacht und koordiniert. Das Geld fließt in Schulen, aber auch Einzelprojekte, wie das Wohnhaus für eine siebenköpfige Familie, die auf dem nackten Lehmboden in einem Raum lebte. „Der Vater hat Parkinson und ist inkontinent. Als wir die Hütte betreten haben, hat es uns zurückgehaut, weil er überall den Harn verliert.“ Brillos baute jetzt der Familie ein neues Haus – Kostenpunkt 3000 Euro.

Ende Jänner fliegt Spechtenhauser wieder nach Bolivien. Er nimmt an einem Eröffnungsfest für eine Schule teil, deren Bau auch durch die Spendenläufe am BRG Wörgl ermöglicht wurde. Und es gibt noch viel zu tun: Der Bau einer Einrichtung für Behinderte ist das nächste Projekt. Wer helfen will: IBAN AT88 2050 6077 0000 1717, BIC SPKUAT22. Weitere Infos: www.brillos.net.

Die Menschen in Bolivien leben in bitterer Armut.
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