Kluge Chronistin der Alltagskultur: Autorin Margit Schreiner wird 65

Wien (APA) - Sie gilt als „kluge Chronistin unserer Alltagskultur, die sie nuanciert und auch befreiend komisch literarisch verarbeitet“, ih...

  • Artikel
  • Diskussion

Wien (APA) - Sie gilt als „kluge Chronistin unserer Alltagskultur, die sie nuanciert und auch befreiend komisch literarisch verarbeitet“, ihr jüngster Roman „Kein Platz mehr“ schaffte es auf die Longlist des Österreichischen Buchpreises: Am morgigen Samstag feiert die 2016 mit dem Anton-Wildgans-Literaturpreis der Österreichischen Industrie ausgezeichnete Linzer Autorin Margit Schreiner ihren 65. Geburtstag.

Die Jury des Wildgans-Preises würdigte die „kluge Chronistin“ 2016 für ihren analytischen Blick, mit dem sie Themen wie Familie und Geschlechterrollen immer wieder überraschend neu betrachte. Auch in dem heuer bei Schöffling erschienenen „Kein Platz mehr“ geht sie satirisch und selbstironisch mit sich und ihren Zeitgenossen ins Gericht. So setzte sie sich nicht nur mit der Anhäufung von Dingen auseinander, die man im Laufe des Lebens ansammelt, sondern auch mit ihrem Berufsstand, dem ihre Ich-Erzählerin angehört: „Alle Schriftsteller zwischen fünfzig und sechzig Jahren, die ich kenne, sprechen davon, endgültig mit dem Schreiben aufhören zu wollen. Ich auch. Viele haben als junge Schriftsteller relativ erfolgreich gestartet, galten als innovativ und radikal, und mussten dann im Laufe ihres Alterungsprozesses ein ständiges Abnehmen ihrer schriftstellerischen Präsenz auf dem Literaturmarkt beobachten.“

Ganz autobiografisch ist dieser Befund glücklicherweise nicht: Neben dem Wildgans-Preis erhielt die Autorin in den vergangenen Jahren unter anderem den Heinrich-Gleißner-Preis, den Johann-Beer-Preis (beide 2015) oder den Preis der Linzer Buchmesse „Litera“ (2008). Zehn Jahre davor nahm sie mit der Erzählung „Die Tasche“ am Bachmannpreis teil, 2009 erhielt sie den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur.

Geboren wurde Margit Schreiner am 22. Dezember 1953 in Linz, wo sie auch maturierte, bevor sie in Salzburg Germanistik und Psychologie zu studieren begann. Nach einem Aufenthalt in Tokio brach sie ihr Studium ab und wurde Literatin mit Wegstationen in Paris, Berlin und Italien. Zu ihren bekanntesten Werken gehören „Die Unterdrückung der Frau, die Virilität der Männer, der Katholizismus und der Dreck“ (1995) oder „Das menschliche Gleichgewicht“ (2015), in dem sie einen Familienurlaub auf einer kroatischen Insel schildert, der allmählich zur Gruppentherapie wird.

In „Die Tiere von Paris“ erzählte sie im Jahr 2011 vom qualvollen, sich über viele Jahre hinziehenden Ende einer Ehe, in „Haus. Friedens. Bruch“ näherte sich Schreiner 2007 dem häuslichen Schrecken einer geistigen Heimarbeiterin mit viel Witz und Selbstironie. Ihren 2001 erschienenen Roman „Haus, Frauen, Sex“, in dem sie einen verlassenen Mann über seine gescheiterte Ehe und seine Partnerin monologisieren lässt, brachte Andreas Vitasek 2004 auf die Bühne des Rabenhofs.

In ihren Werken wird deutlich: Margit Schreiner verfügt über eine gute Beobachtungsgabe und versteht es, ihre Befunde mit trockenem Humor so zuzuspitzen, dass sich über die dabei offengelegten Manien und Phobien fast immer befreiend lachen lässt.


Kommentieren