Junger Liebhaber der alten Stadt Innsbruck

Michael Svehla liebt und fotografiert alte Gebäude. Zum 75. Jahrestag der Luftangriffe auf Innsbruck hat der Hobbyhistoriker die Veränderungen in einem Buch dokumentiert.

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In seiner Sammlung ist auch ein Foto der alten Gebäude in der Brunecker Straße.
© De Moor

Von Philipp Schwartze

Innsbruck –Menschen hetzen an den Häusern vorbei, schauen kaum links oder rechts. Anders Michael Svehla (47) aus der Innsbrucker Reichenau. Immer, wenn er an Gebäuden vorbeigeht, fragt er sich, welche Geschichte sie wohl zu erzählen haben. Oder welche Häuser den neuen Gebäuden weichen mussten.

Auf dem Weg zur Arbeit oder ins Stadtarchiv – fast sein zweites Wohnzimmer – zückt Svehla regelmäßig seine kleine Kompaktkamera, um in der Reichenau, in Pradl und in vielen anderen östlichen Stadtteilen die Häuser zu fotografieren. „Früher haben sich die Menschen oft gewundert, warum ich Häuser fotografiere“, sagt Svehla. Damals, vor drei Jahrzehnten, hat er mit diesem Hobby angefangen, hat noch Dias geschossen und entwickeln lassen. Doch in Zeiten von Smartphones und Google Street View schenken die Mitmenschen dem Hobbyhistoriker und seiner Kamera kaum noch Aufmerksamkeit.

Michael Svehla beschäftigt sich mit den Innsbrucker Häusern. Zu den Luftangriffen vor 75 Jahren hat er jetzt ein Buch veröffentlicht
© Rudy De Moor

Angefangen hat der in der Reichenau aufgewachsene und lebende 47-Jährige nach Gesprächen mit seinem Großvater, der ihm immer erzählte, wie die Stadt früher ausgeschaut hat. „Seitdem interessiert mich die städtebauliche Entwicklung von Innsbruck.“

Jetzt hat er, nach zehn Jahren Recherche, sein erstes Buch zu einer Periode in der Innsbrucker Geschichte veröffentlicht, die kaum einen Stein auf den anderen gelassen hat: die 22 Bomben-Luftangriffe, die vor 75 Jahren, ab dem 15. Dezember 1943, begannen. „Ich wollte zu diesem Jahrestag fertig sein“, sagt Svehla.

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Für „Als in Innsbruck die Sirenen heulten“ (Studienverlag-Universitätsverlag Wagner) opferte der in der Pflege arbeitende Innsbrucker heuer seinen dreiwöchigen Urlaub, setzte sich von früh bis spät ins Stadtarchiv, sprach mit Zeitzeugen und durchsuchte zahlreiche Fotoalben. „In diesen Wochen konnte ich sehr gut in diese Zeit eintauchen. Ich bin dann mit den Augen dieser Zeit durch die heutigen Straßen gegangen.“

Zu Hause ging es abends – außerhalb seines Urlaubs auch nach der Arbeit – noch weiter: Mit hoher Genauigkeit erstellte er Listen über die Schäden der einzelnen Häuser. „Da steht genau drin, bei welchem Luftangriff und wie schwer das Gebäude beschädigt wurde“, sagt Svehla und deutet mit seinem Finger auf Einträge in einer Liste.

Neben die alten Fotos, die vor und direkt nach den Luftangriffen entstanden sind, hat Svehla jeweils ein aktuelles Foto gestellt und zeigt so Vergangenheit und Gegenwart. „Wenn etwas abgerissen wurde, weiß man schnell nicht mehr, was dort einmal stand. Mit meinen Fotos kann ich das genau sagen“, sagt Sveh­la.

Wann immer in Innsbruck ein Haus vor dem Abriss steht, wird es für den 47-Jährigen stressig. „Ich hoffe immer, dass alles noch steht, bis ich es fotografiert habe. Vor zwanzig Jahren war mein Plan, das ganze Stadtgebiet abzufotografieren. Der Aufwand wäre zu groß, die Veränderung geht so schnell. Dadurch bekomm’ ich einen Stress mit dem Hobb­y, mit dem Fotografieren.“

Im Stadtarchiv kennt man den Hobbyhistoriker schon gut, oft bekommt er von den Mitarbeitern sogar Tipps für seine Recherchen. 30 Alben mit Fotos von Innsbrucker Häusern hat er zu Hause stehen. „Mittlerweile sieht man mich schon als Experten.“

Geschichte hat Svehla nie studiert, auch wenn er das kurz überlegt hat. Dem aber kam sein bereits begonnenes und inzwischen abgeschlossenes BWL-Studium in die Quere. „Ich hab’ mir die Frage, warum ich nicht Geschichte studiert habe, Dutzende Male gestellt. Heute würde ich es wahrscheinlich studieren“, sagt er. Doch ihn interessiert auch nur ein spezieller Geschichtsteil, jener der Häuser in Innsbruck. In seiner Bildersammlung mit 600 Aufnahmen und im Stadtarchiv taucht er in die Vergangenheit ein.

Svehla ist Perfektionist und trotz seiner 47 Jahre ein großer Nostalgiker, wie man ihn sonst oft nur in älteren Generationen erlebt. Weitere Bücher hat er bereits im Kopf – und mit seiner Webseite (michael-svehla.com) will er noch mehr Menschen auf eine Reise in das alte Innsbruck mitnehmen.


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