Internationale Pressestimmen zum Abzug der US-Truppen aus Syrien

Washington (APA/dpa/AFP) - Zum Abzug der US-Truppen aus Syrien schreiben internationale Zeitungen am Freitag:...

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Washington (APA/dpa/AFP) - Zum Abzug der US-Truppen aus Syrien schreiben internationale Zeitungen am Freitag:

„de Volkskrant“ (Amsterdam):

„Dumm, töricht, verräterisch, kurzsichtig, so nennen viele von Trumps eigenen Beratern und Unterstützern im Kongress diese Entscheidung, während in autoritären Kreisen die Jubelrufe nur mit Mühe unterdrückt werden können. Nach der früheren Ankündigung, dass die (gerade mal) zweitausend Soldaten dauerhaft in Syrien bleiben würden, ist das erneut eine unerwartete Kehrtwende. Sie sollten den IS ebenso in Schach halten wie Iran, Russland und den Türken Erdogan - die alle darauf aus sind, Amerikas kurdische Bündnispartner in Syrien von der Landkarte zu tilgen.“

„Neue Zürcher Zeitung“:

„Man kann sich den Kopf darüber zerbrechen, was (US-Präsident Donald) Trump zu seiner Entscheidung bewogen hat, welche so offenkundig den Anti-Terror-Kampf gefährdet, die kurdischen Verbündeten ins offene Messer laufen lässt und obendrein noch den Iranern freies Feld in Syrien überlässt. Hatte nicht eben erst Trumps Sicherheitsberater John Bolton verkündet, die USA markierten so lange militärische Präsenz, bis das Mullah-Regime seine eigenen Einheiten zurückziehe? (...)

In Wahrheit lässt sich kein echter politischer Nutzen erkennen außer vielleicht dem, dass Trump seinen Anhängern die Illusion eines eingelösten Wahlversprechens verkaufen kann; dass er, der Friedensstifter, Amerika aus einem komplizierten und teuren Konflikt befreit. Dafür ist Trump offenkundig bereit, viel verbrannte Erde zurückzulassen.“

„Times“ (London):

„Was nun mit den kurdischen Partnern der USA geschieht, ist eine offene Frage. Sollte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seine angedrohte Offensive gegen sie starten, wären die kurdischen Kämpfer - nach Schätzungen 30.000 bis 60.000 - erheblich in der Unterzahl. Sie hätten kaum eine andere Wahl, als einen Deal mit Syriens Präsidenten Bashar al-Assad zu machen. Doch ohne die militärische Macht Amerikas im Rücken müssten sie mit ziemlicher Sicherheit die Aussicht auf eine nennenswerte Autonomie aufgeben. Das würde Assads Kontrolle über das Land festigen und seinem Hauptverbündeten, Russlands Präsidenten Wladimir Putin, einen Sieg bescheren. Die anderen großen Verlierer sind Amerikas Verbündete. Allen voran Israel, das nun mit der permanenten Präsenz iranischer Truppen direkt an seiner Grenze fertig werden muss.“

„El Mundo“ (Madrid):

„Der Einzug von (US-Präsident Donald) Trump ins Weiße Haus sorgt für eine beunruhigende neue Weltordnung. Seine voreilige Entscheidung, die 2000 US-amerikanischen Soldaten abzuziehen, die derzeit in Syrien gegen den ‚Islamischen Staat‘ kämpfen, ist der bisher schlimmste Beweis dafür, dass er nicht nur rhetorisch, sondern wirklich den Isolationismus ansteuert (...) Der US-Abzug ist unverantwortlich, weil der IS noch lange nicht bezwungen ist. Und politisch wird die Entscheidung unvorhergesehene Folgen haben, weil sie Ländern wie Russland oder China das Feld überlässt.“

„Corriere della Sera“ (Mailand):

„Aus allen Teilen der Welt hagelte es gestern unbarmherzige Kritik auf das Weiße Haus. Aber den härtesten Schlag hat dem Präsidenten General Mattis mit seinem Rücktritt versetzt, der Verteidigungsminister, der seit langem eine schwierige Beziehung zu Trump hatte. In Syrien wurde der IS empfindlich geschwächt, doch von ihren verbliebenen Hochburgen aus sind die Halsabschneider noch immer in der Lage, zuzuschlagen (...), hatte Mattis dem Präsidenten klargemacht. (...)

Zutreffende Beobachtungen (...), die allerdings wenig mit den eingefahrenen Prioritäten von Trump zu tun haben. (...) Für Trump zählt nur, entscheidungsfreudig zu sein und zu wirken, als Anführer (dazustehen), den nur interessiert, was dem Amerika gefällt, das ihn gewählt hat und das bereit ist, es wieder zu tun, während die Demokraten sich abmühen, einen Kandidaten für die Präsidentschaft zu finden.“

„Le Figaro“ (Paris):

„Einige werden sagen, der Abzug von 2000 Mann verändert nicht wirklich etwas, (der russische Präsident) Wladimir Putin ist bereits länger am Hebel. Sie haben nicht völlig unrecht. Aber zumindest symbolisch ist dieser amerikanische Rückzug aus Syrien nicht bedeutungslos. Er droht, die geschmälerten Reihen der Jihadisten neu zu motivieren. Vor allem aber zeigt er den Einflussverlust des Westens im Nahen Osten. Und das freie Feld, das Russen und Iranern überlassen wird. Über Syrien hinaus zeigt diese brutale Entscheidung, dass Amerika seine Verbündeten vom einen Tag auf den anderen wie ordinäre Hilfskräfte behandeln kann.“

„Nowaja Gaseta“ (Moskau):

„Der Abzug der US-Truppen aus Syrien ist ein Schritt, den Trump seinen Anhängern schon lange versprochen hat und dem sich die Generäle im Kampfgebiet das ganze letzte Jahr widersetzt haben. Die US-Generäle haben Zeit geschunden in der Hoffnung, dass die Position der Kurdenarmee SDF stärker wird. Denn die Kurden waren der Schlüsselpartner der USA bei den Gefechten in der Provinz Deir ez-Zor. Und gerade die Kurden werden jetzt von den USA geopfert. Die Türkei hat klar zu verstehen gegeben, dass ihr Hauptgegner in Syrien die bewaffnete kurdische Opposition ist.“


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