Tourismus-Wertschöpfung: Schweizer spendabler, Holländer nur im Winter

Eine Studie hat die Wertschöpfung durch Tirol-Urlauber aus den wichtigsten Herkunftsmärkten analysiert. Tirols Tourismus generiert deutlich mehr an Wertschöpfung, als in Statistiken ausgewiesen wird, sagt GAW-Forscher Stefan Haigner.

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Deutsche Urlauber bleiben alleine aufgrund ihrer großen Zahl für Tirols Tourismus unersetzlich, aber die Schweizer geben pro Kopf mehr aus.
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Von Max Strozzi

Innsbruck –In einer neuen Studie hat die Innsbrucker Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung (GAW) Wertschöpfungseffekte des Nächtigungstourismus nach den wichtigsten Herkunftsländern für die Saison 2017/18 untersucht. „Die Wertschöpfung ist dabei eine Kombination aus Nächtigungen und Ausgabeverhalten“, erklärt Stefan Haigner von der GAW.

Dass Deutschland nach wie vor der mit großem Abstand wichtigste Quellmarkt bleibt, war zu erwarten. Konkret tragen deutsche Gäste tirolweit mit 49,7 % knapp die Hälfte zur gesamten touristischen Wertschöpfung von 6,7 Mrd. Euro bei. Weit abgeschlagen kommen die Niederlande mit 9,1 %, die Schweiz mit 6,9 %, die Briten mit 4,2 %, ­Belgien mit 3,4 % sowie Italien mit 2,4 %. Österreichische Gäste tragen 8,2 % zur Wertschöpfung bei. In Summe lassen sich rund 85 % der gesamten Wertschöpfung auf diese sieben Quellmärkte zurückführen.

Die spendabelsten Urlauber aus diesen Ländern sind aber die Schweizer. Sie geben sowohl im Winter als auch im Sommer 20 % mehr aus als der durchschnittliche Tirol-Urlauber. Die deutschen Gäste dagegen sind weniger spendabel als etwa auch Gäste aus dem Vereinigten Königreich oder Italien, weshalb die Bedeutung der deutschen Gäste gemessen an der Wertschöpfung geringer ausfällt, als dies deren Nächtigungsanteil vermuten lässt.

Die Situation bei den Niederländern ist unterschiedlich. Im Winter sind ihre Ausgaben nur leicht unterdurchschnittlich. Im Sommer hingegen sind sie mit großem Abstand die sparsamsten, ihre Ausgaben liegen rund 30 % unter den durchschnittlichen Ausgaben der Sommergäste.

„Für einzelne Tourismusverbände schlägt das auf die Wertschöpfung entsprechend durch“, sagt Haigner. Die deutschen Urlauber seien aufgrund der absoluten Zahl praktisch für jeden Verband wichtig. Beim TVB Kitzbüheler Alpen-Brixental oder Zell-Gerlos-Zillertal Arena beispielsweise seien aber bei den Sommer-Nächtigungen die Niederländer deutlich überdurchschnittlich vertreten und damit mit einem Quellmarkt, der relativ gesehen mit weniger Wertschöpfung pro Nächtigung einhergeht. Der TVB Kitzbüheler Alpen-Brixental lockt zudem auch weniger Schweizer Urlauber als andere Regionen an. Hotspots kaufkräftiger Gäste seien dagegen etwa Serfaus-Fiss-Ladis, die über 20 % der Wertschöpfung durch Schweizer Gäste erwirtschaften. Gemessen an der gesamten Wertschöpfung im Sommer sei Serfaus-Fiss-Ladis sogar der einzige TVB, in dem die Schweizer bedeutsamer sind als die Deutschen. Ein weiterer Hotspot ist laut der GAW der TVB St. Anton, der über 15 % der Wertschöpfung durch Gäste aus dem Vereinigten Königreich erzielt.

Die Gäste aus Österreich sind vor allem im Kufsteinerland (29 %), in Hall-Wattens (28 %), Osttirol (21 %), Innsbruck und seinen Feriendörfern (18 %) sowie der Silberregion Karwendel (16 %) für die Wertschöpfung von überdurchschnittlicher Bedeutung.

Tourismus ist 6,7 Mrd. Euro schwer

Ihre Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung gibt für Tirols Tourismus eine jährliche Wertschöpfung von zuletzt 6,7 Mrd. Euro an. Das ist deutlich mehr als in offiziellen Statistiken ausgewiesen, wo von rund 4,2 Mrd. Euro die Rede ist. Wie erklären Sie diesen großen Unterschied?

Stefan Haigner: Die Zahlen der statistischen Ämter berücksichtigen nicht alle Aspekte, die der Tourismus hervorbringt. Berücksichtigt wird etwa nicht der so genannte induzierte Effekt. Dazu zählt, dass die Einkommen, die im Tourismus erzielt werden, natürlich wieder ausgegeben werden und damit in einer zweiten Runde noch einmal zur Wertschöpfung beitragen.

Machen Sie das bitte an einem konkreten Beispiel fest.

Haigner: Ein Kellner, der sich mit seinem Gehalt eine Brille kauft, schafft damit noch einmal Wertschöpfung. Dieser so genannte induzierte Effekt ist in offiziellen Statistiken nicht berücksichtigt, macht aber in Tirol rund 2,3 Mrd. an zusätzlicher Wertschöpfung aus. Und dieser induzierte Effekt ist auch dafür verantwortlich, das es auch noch in Tälern beispielsweise einen Lebensmittel-Einzelhändler gibt. Denn diese leben typischerweise von den Ortsansässigen.

Was für den Tourismus gilt, muss aber auch für andere Branchen gelten. Müsste man somit fairerweise nicht auch in anderen Branchen die induzierten Effekte und daraus folgend eine höhere Wertschöpfung berücksichtigen, um wieder einen korrekten Vergleich zwischen Branchen herzustellen?

Haigner: Es geht uns weder um ein Groß- noch um ein Kleinrechnen der Tourismusbranche. Es geht einfach darum, zu messen, was einer Branche zuzuordnen ist. Spätestens seit die türkisblaue Bundesregierung dem Thema Tourismus im Regierungsprogramm prominent Platz eingeräumt hat, ist das Thema Wertschöpfung im Tourismus in den Fokus gerückt. Weg von der Messung der Nächtigungen, hin zur Wertschöpfung lautet die Stoßrichtung. Und die Wertschöpfung, wie sie die Statistik Austria erfasst, wird der Bedeutung des Tourismus in Tirol nur bedingt gerecht.

Wann ist aus Ihrer Sicht der Punkt erreicht, bei dem das Argument der Wertschöpfung die nachteiligen Nebenerscheinungen nicht mehr aufwiegen kann?

Haigner: Nachteile sind ja für jeden Einwohner unmittelbar sichtbar: Natureingriffe, Umweltemissionen, Verkehr etc. — ganz egal in welcher Branche. Manche ökonomischen Vorteile sind dagegen weniger sichtbar, aber trotzdem vorhanden. Wenn eine Branche öffentlichen Raum in Anspruch nimmt und die Bevölkerung belastet wird, muss man auch die gesamte ökonomische Bedeutung aufzeigen. Erst dann lassen sich Vor- und Nachteile abwägen und die Ausrichtung einer Branche bestimmen.

Das Gespräch führte Max Strozzi


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