Paradise nach Feuerinferno: Kreuze, Asche und Hoffnung

Paradise (Nevada) (APA/dpa) - Am Rand der Skyway-Landstraße, kurz vor dem Ortseingang von Paradise, leuchten große, weiß getünchte Holzkreuz...

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Paradise (Nevada) (APA/dpa) - Am Rand der Skyway-Landstraße, kurz vor dem Ortseingang von Paradise, leuchten große, weiß getünchte Holzkreuze mit bunt angemalten Herzen in der Dezember-Sonne. 86 Kreuze hat Greg Zanis gezimmert, eines für jedes Opfer des „Camp“-Feuers, das am 8. November die nordkalifornische Gemeinde am Rande der Sierra Nevada fast vollständig zerstört hat.

„Es hilft den Familien, wenn man mit ihnen trauert“, sagt der 68-jährige Tischler aus Chicago. Nach Tragödien wie Schießereien oder Naturkatastrophen stellt er seit Jahren seine selbst gebastelten Kreuze in den USA auf, um an die Opfer zu erinnern. Jetzt auch in Paradise.

Bei ihrer Flucht aus dem brennenden Inferno waren einige Bewohner auf dem verstopfen Skyway in ihren Fahrzeugen verbrannt. Das „Camp“-Feuer machte zehntausende Menschen obdachlos. Mehr als 18.000 Gebäude verbrannten binnen Stunden, darunter fast 14.000 Wohnhäuser. Der einst idyllische Ort im Wald ist nun ein grau-verkohltes Trümmerfeld.

Donna Williams sitzt auf einem verbogenen Metallstuhl vor den Resten ihres Appartementhauses, in dem sie 19 Jahre lang wohnte. Sechs Wochen nach Ausbruch des Feuers sucht sie in der regennassen, klebrigen Asche nach Andenken. Die 60-Jährige trägt Gummihandschuhe, die Behörden warnen vor möglichen Giftstoffen in den Ruinen, wie geschmolzenes Blei oder Asbest. „Es wird Jahre dauern, Paradise wieder aufzubauen“, sagt Williams. In der 20 Kilometer entfernten Stadt Chico hat sie ein kleines Haus angemietet. „Doch ich komme ganz bestimmt zurück.“

Normalität ist in Paradise in weiter Ferne. Wochenlang war der Ort gesperrt, erst Anfang Dezember durften erste Bewohner in Teile der Gemeinde zurückkehren, um Schäden zu begutachten. Jetzt sind die Straßen wieder befahren. Lastwagen räumen Schuttberge ab, verkohlte Bäume werden gefällt, Strommasten repariert.

Der Polizist und Ortssprecher Matt Gates sitzt in seinem unversehrten Büro, das Feuer hatte kurz vor der Polizeiwache gestoppt. Sein eigenes Haus sei abgebrannt, sagt der zweifache Vater. Außer seiner Polizeiuniform, die er trug, habe er nichts retten können. „Der Wiederaufbau wird eine Weile dauern“, sagt er mit gequältem Lächeln.

Die Umweltbehörde setzt mehrere Monate an, um Giftstoffe zu entsorgen, dann müssen die Trümmerberge abgeräumt werden. Bald würden Genehmigungen für das Aufstellen von Wohnwagen auf den abgebrannten Grundstücken erteilt. „Die Leute wollen nach Hause kommen“, sagt Gates.

Zu Weihnachten soll es für Paradise einen Lichtblick geben. Mitten im Ort wird für Besucher die traditionelle Eislaufbahn aufgebaut. „Als eines der ersten Zeichen, dass das Leben weitergeht“, sagt Gates - auch wenn gut 80 Prozent des Ortes zerstört sind und nur wenige Menschen bereit sind, schon wieder in der Katastrophenzone zu leben. Vielerorts gibt es weder Strom noch sauberes Trinkwasser.

Das grau-weiße Ferienhaus von Pat Mortensen hat das Feuer wie durch ein Wunder überstanden. „Alle Nachbarhäuser sind abgebrannt, auch das Haus meiner Tochter um die Ecke“, sagt die Kalifornierin. Doch von Freude, dass ihr Grundstück verschont wurde, keine Spur. „Es ist gruselig und traurig, denn alles um uns herum ist jetzt eine Geisterlandschaft“, sagt sie. Nur für abgebrannte Häuser zahlen die Hausversicherungen eine Entschädigung aus.

Die Versicherungsansprüche seien auf mehr als neun Milliarden Dollar angestiegen, teilte die kalifornische Versicherungsbehörde Mitte Dezember mit. Diese Rekordzahl umfasst neben den Schäden in Paradise auch zwei Flächenbrände in Südkalifornien.

Viele Betroffene, die durch das „Camp“-Feuer alles verloren haben, suchten in Notunterkünften Zuflucht, andere bei Angehörigen und Freunden, Hunderte kampierten in Zelten oder Wohnwagen. Die Katastrophenschutzbehörde FEMA zahlte Millionenbeträge an Direkthilfe, etwa für Unterkünfte. Hinzu kamen Spenden.

Doch gut sechs Wochen nach dem Inferno geht der Überlebenskampf für viele Betroffene weiter. Auch für Carol McMurray, die nach Wochen in Notunterkünften und einem Billigmotel jetzt in ihrem Minivan schläft. Zwischen Kühlboxen und Plastiksackerln hat die 62-Jährige eine Luftmatratze und Polster ausgelegt. Eine Kirchengemeinde in Chico habe ihr den Wagen geschenkt, erzählt die Frau, die mehr als 30 Jahre in Paradise wohnte, zuletzt im Haus ihrer Tochter.

Auch der 14-jährige Owen Allsup und viele seiner Mitschüler von der Paradise High School müssen seit Wochen improvisieren. Von den knapp 1.000 Schülern sind rund 900 obdachlos geworden. Mit seinem Bruder und seinen Eltern lebt Owen nun in einem Wohnwagen auf dem Grundstück von Freunden. Unterricht findet online und in einem ehemaligen Brillengeschäft in einem Einkaufszentrum in Chico statt.

Der Slogan „Paradise Strong“ prangt auf einem Poster an den großen Glasscheiben des improvisierten „Lern-Zentrums“. Wie Owen tragen auch viele Lehrer und Mitschüler grüne T-Shirts mit dem Motto, dass Paradise „stark“ ist. Doch es sei „irgendwie komisch“ in einem Shopping-Zentrum Unterricht zu haben, lamentiert der Schüler. „Es ist schwierig, alles auf eine Reihe zu bekommen“, räumt Owen ein. Seine Familie habe alles verloren, Freunde lebten nun überall verstreut.


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