Kitz-Sieger Reichelt im Interview: „Autofahren ist auch riskant“

Österreichs letzter Streif-Sieger Hannes Reichelt (38) spricht im TT-Interview über zu anspruchsvolle Pisten, den notwendigen Rennleiter-Wechsel in Kitzbühel, Fehler der FIS und eine Sprint-Abfahrt wie in der Formel 1.

Hannes Reichelt zeigte sich beim ersten Abtasten mit der Streif und Rang sechs gut in Schuss.
© gepa

Bislang verläuft der Winter für Sie wenig nach Wunsch. Wie zufrieden Sind Sie?

Hannes Reichelt: Die Saison ist heuer gar nichts. Ich habe mich ein paarmal beim Material vertan, dazu kommt, dass ich das Sommertraining in Chile wegen einer Verletzung (Zehenbruch, Anm.) versäumt habe. Der Hauptgrund war aber sicher, dass ich fehleranfällig war.

Die Klassiker-Zeit war aber schon oft die Zeit des Hannes Reichelt. Sie haben neben Wengen auch 2014 in Kitzbühel die Abfahrt gewonnen. Wie groß ist die Vorfreude aufs Rennen?

Reichelt: Sehr groß. Die Klassiker sind schon so alt, da sind Passagen dabei, die heute von der FIS (Ski-Weltverband, Anm.) gar nicht mehr genehmigt würden. Das Gelände ist einzigartig. Der Fernsehzuschauer kann zwischendurch auf einen Kaffee gehen, kommt zurück und weiß genau, an welcher Passage der Fahrer gerade ist. Das vermisse ich an den neuen Abfahrten. Da schaut jede Kurve gleich aus.

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Im Weltcup wuchern Ideen von Sprint-Abfahrten wie in Wengen oder Gröden. Was halten Sie von der Idee?

Reichelt: Ich halte nichts davon, dass man, so wie es in Gröden eine Idee ist, den Super-G streicht und eine Sprint-Abfahrt daraus macht. Das habe ich immer kritisiert. Da kommt es mir so vor, als würden alle den Super-G weghaben wollen. Aber wenn die Rennen an einem Sonntag zur richtigen Zeit sind, haben wir unglaublich viele Zuschauer.

Sie wollen also den Super-G mehr im Fokus sehen?

Reichelt: Ja, genau. Die Argumentation der FIS, dass der Super-G zu wenig Zuschauer anlockt, ist ein Witz. Die Leut­e wollen nicht mehr stundenlang vor dem Fernseher sitzen. Sie wollen lieber, dass der Sieger nach einer Stunde feststeht. Da ist der Super-G idea­l. In Lake Louise waren 1,3 Mio. Zuschauer in Österreich am Fernseher dabei. Doch wenn ein Super-G so wie zumeist am Freitag ist, dann ist klar, dass weniger zuschauen. Und noch etwas zur Sprint-Abfahrt: Es gibt coole Ideen wie jene in Saalbach von einer Nacht-Sprint-Abfahrt. Aber da war immer die Angst dabei: Was ist, wenn das Licht ausfällt? Aber in der Formel 1 fahren sie auch Nachtrennen. Wenn die es schaffen, dann schaffen wir das auch.

Sie haben auch die FIS angesprochen. Ihre Zeit als Athletensprecher ist vorbei. Sind Sie zu oft gegen eine Wand gelaufen?

Reichelt: Ja, das ist einer der Gründe. Ich habe zwar die Läufer repräsentiert, aber wir sind alle abgeblitzt. Es ist mühsam, wenn nicht einmal auf die Top-Läufer gehört wird. Das ist ein Grund.

Der andere ist ein schönerer Grund: Sie werden Vater.

Reichelt: Stimmt, und ich möchte auch wieder mehr Zeit zuhause verbringen. Die sechs Tage unten in Griechenland im Mai beim FIS-Kongress? Die Zeit hätte ich lieber daheim verbracht. Ich werde zu wenig angehört. Es wird registriert, aber es funktioniert alles zu langsam.

Wenn Sie im Frühjahr Vater werden, wie sehr, glauben Sie, verändert das Ihre Risiko­bereitschaft?

Reichelt: Ich sage immer, Autofahren ist auch riskant. Kitzbühel ist sicher eine der gefährlichsten Strecken. Aber das ist etwas, das ich zu einem hohen Prozentteil im Griff hab­e. Es bleibt nur ein kleiner Prozentsatz Risiko. Es fahren ja auch andere Väter schnell Abfahrt (lacht).

In den letzten Jahren war immer die Rede davon, dass die Strecke in Kitzbühel zu sehr ausgereizt wird ...

Reichelt: Das war sicher mit Axel Naglich (Kitz-Rennleiter von 2016 bis 2018, Anm.) so. Wenn man seine Filme kennt, weiß man, dass er das Risiko liebt. Das ist einer der Gründe, wieso es in Kitzbühel übertrieben wurde. Jetzt gibt es einen neuen Rennleiter. Natürlich hat die Streif das Prestige, die härteste Strecke zu sein. Aber wenn es auf Kosten unserer Gesundheit geht, ist das nicht in Ordnung. Die Strecke selbst ist schon schwierig genug.

Sie haben Axel Naglich angesprochen. Inwiefern gab es für Sie Probleme?

Reichelt: Mich hat vor allem eine Aussage geärgert, als Georg Streitberger, Aksel Lund Svindal und ich 2016 so schwer gestürzt sind. Es hieß quasi: Wenn wir nicht g’scheit draufstehen, dann ist es unsere Schuld. Stimmt sicher auch. Aber damals waren Aksel und ich die Top-Abfahrer, ich war davor in Wengen Zweiter hinter ihm. Wenn wir beide an der Stelle abfliegen, dann kann etwas nicht stimmen. Das stört mich, wenn das dann auf die Läufer abgeschoben wird. Da muss er dann schon vor seiner eigenen Haustüre kehren und sagen: Wir haben Fehler gemacht. Die Kitzbüheler nehmen es mir nach wie vor übel, dass ich meine Meinung gesagt habe. Aber ich bin einer, der sagt, was er denkt. Ich fahre gerne nach Kitzbühel. Es ist eine super Strecke, man muss es nicht übertreiben. Mit dem neuen Rennleiter ist eine positive Entwicklung möglich.

FIS-Renndirektor Markus Waldner sagt auch, dass das Material zu sehr ausgereizt wird. Wie sehen Sie das?

Reichelt: Da bin ich überhaupt nicht seiner Meinung. Es ist relativ einfach für ihn, so etwas zu sagen. Das Problem ist die unterschiedliche Präparierung der Pisten. Es gibt weiche Passagen, dann ist es wieder unheimlich aggressiv. Es wird uns so schwierig gemacht – und du musst ein Mittelmaß finden. Daher sind alle am Limit. Zu sagen, das Material ist zu aggressiv eingestellt, ist eine billige Ausrede.

Natürlich ist es hart, aber Luitz kann von Glück sprechen, dass er nicht für zwei Jahre wegen eines Dopingvergehens gesperrt worden ist.
Hannes Reichelt, ÖSV-Skifahrer

Wie beurteilen Sie die Strafe des Deutschen Stefan Luitz, der seinen Riesentorlauf-Sieg in Beaver Creek wegen Verwendung künstlichen Sauerstoffs verlor?

Reichelt: Wenn du mit dem Skischuh zu hoch stehst, wirst du auch disqualifiziert. Es ist ein Reglement. Natürlich ist es hart, aber Luitz kann von Glück sprechen, dass er nicht für zwei Jahre wegen eines Dopingvergehens gesperrt worden ist. So ist es eine Disqualifikation, es ist korrekt, dass er nicht für zwei Jahre gesperrt worden ist. Ich wäre neugierig gewesen, ob es auch so human ausgegangen wäre, wenn der Betroffene ein Österreicher gewesen wäre ...

Noch zu Kitzbühel: Sie haben 2014 hier mit Bandscheibenvorfall gewonnen, kamen 2016 schwer zu Sturz. Wie hat sich Ihre Sicht auf die Streif in den Jahren verändert?

Reichelt: Ich bin immer wieder froh, wenn ich gesund heimfahren kann. Wenn ich richtig gut in Form war, habe ich nicht viel riskieren müssen und war schnell. Jetzt muss ich alles riskieren, um vorne dabei zu sein.

Das Gespräch führte Roman Stelzl


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