Eine fußballerfreundliche Lawine im Lechtal

Ein Lawinenarm wurde aufgebaggert, um den möglichen nächsten Abgang von Häusern wegzulenken.

Ein anderer Ast stoppte nicht weit vor zwei Häusern, was einen wagemutigen Einsatz zur Folge hatte.
© Mittermayr

Von Helmut Mittermayr

Elbigenalp –„Gia’mar Laahna luaga!“ – Lawinen schauen gehen ist gerade in im Lechtal. Elbigenalps Bürgermeister Markus Gerber weiß von Einheimischen, die mit dem Auto in die Nähe des Lawinenkegels der „Holdernach“ fahren, um die Ausmaße der Lawine, die am Dienstagnachmittag zwischen dem Ortsteil Köglen und dem „Duarf“ niedergegangen ist, zu bestaunen. Ein „Arm“ stoppte nur Zentimeter vor dem Fußballplatz, ein anderer vor zwei Häusern.

Der Außerferner Wildbach- und Lawinenverbauungschef Christian Ihrenberger schätzt die Menge auf 20.000 Kubikmeter. Nicht umsonst stand Sonntagmittag der Grundbesitzer, der am stärksten betroffen ist, wenig erfreut an der Absperrung und fotografierte die Arbeit, die auf ihn zukommen wird: „2005 war es ähnlich. Damals kostete es uns 2000 Arbeitsstunden, bis alles aufgeräumt war.“ Dorfchef Gerber kann sich vorstellen, im Frühjahr einen Aufruf für ein, zwei Arbeitssamstage in Elbigenalp zu machen, damit hier mehr Hände zupacken. „Aber jetzt ist das alles noch viel zu früh. Oben liegen noch Schneemassen von sechs bis sieben Metern. Und der Winter ist noch lange nicht vorbei.“

Als Chef der Lawinenkommission kämpft Markus Gerber mit seinem Team heuer mit äußerst schwierigen Rahmenbedingungen. „Über 1700 Metern hat es immer geschneit. Der Wind kommt diesen Winter aus einer anderen Richtung als gewohnt. Die Lage ist in Wirklichkeit total uneinschätzbar. In Tallagen hat es gar nicht so viel Schnee, ein schöner Winter halt. Aber oben liegen unglaubliche Massen.“

Da aber das betroffene Straßenstück leicht umfahrbar und Buszufahrten zu einem angrenzenden Hotel im Ort nun nach Baumaßnahmen erstmals möglich seien, wäre der Druck, „auftzutun“, nicht groß. Die Straße zwischen Köglen und dem Ort sei diesen Winter schon mehrmals wegen Lawinengefahr gesperrt worden, aber zum Zeitpunkt des Abgangs sogar offen gewesen. Niemand habe dies voraussehen können. Auch Ihrenberger spricht von einem Phänomen. Der Boden sei warm und löse Abgänge wie im Frühjahr aus. Kleinere Lawinenabgänge seien an gleicher Stelle liegen geblieben und hätten sich dort akkumuliert, also aufgetürmt.

Ein Video zeigt, wie träge sich die Massen ins Tal geschoben haben – 1,20 Minuten dauerte die Abwärtsbewegung. Die Lawine kam so leise daher, dass der Nachmittagsschlaf einer Hausbewohnerin nicht gestört wurde, während die Schneemassen nur wenige Meter vor ihrem Heim zum Stillstand kamen. Sie hätten das Haus weggedrückt, ist sich der Bürgermeister sicher.

Am Dienstag ging die Lawine ab und Donnerstag, Freitag setzte man in Elbigenalp zu einem wagemutigen Einsatz an. Denn die Lawine hatte sich in drei Äste geteilt und der nächste Abgang wäre dadurch genau auf jene Häuser gelenkt worden, die in der roten Zone stehen und vor denen die Lawine jetzt knapp zu stehen kam. Mitglieder der Lawinenkommission und der Feuerwehr Elbigenalp bezogen mit Funkgeräten an gut einsehbaren Punkten Stellung, während ein Baggerfahrer damit begann, einen Ast zu öffnen. Zweck der Übung: Die nächste Lawine kann wieder „gerade“ ins Feld rauschen, die Häuser bleiben durch eine Art Lawinendamm geschützt. Für BM Markus Gerber beeindruckend: „Der Bagger sah angesichts der Schneemassen wie ein Spielzeug aus.“

Die Holdernachlawine kam heuer schon zum vierten Mal. Das meterhohe Nassschneeungetüm teilte sich beim letzten Abgang in drei Äste. Einer stoppte nur Zentimeter vor der Fußballplatzeinzäunung.
© Mittermayr

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