„The Big Jump“: Raumschiff, Mensch und letzte Fragen

Wien (APA) - Anfahrt, Absprung, Flug, Landung: Der Dokumentarfilm „The Big Jump - Flieg mit uns in 3D“ setzt an, um die Welt der Skispringer...

Wien (APA) - Anfahrt, Absprung, Flug, Landung: Der Dokumentarfilm „The Big Jump - Flieg mit uns in 3D“ setzt an, um die Welt der Skispringer, des Profisports im absoluten Grenzbereich, für Otto Normalverbraucher sichtbarer zu machen. Herausgekommen ist eine gefühlvolle, ruhige Dokumentation mit sympathischen Protagonisten ohne billige Effekthascherei und die Gier nach Schlagzeilen. Ab Donnerstag im Kino.

Weitenrekorde, spektakuläre Stürze, Dramatik in der Luft, der Kampf und die Überlistung der Schwerkraft - und das alles in 3D. Und dann noch das promotionstechnische Ausrufezeichen „The Big Jump“. Man konnte so eine ungefähre Vorstellung haben, was einen erwartet, in diesen rund 80 Minuten. Doch weit gefehlt. Der Film ist keine plumpe, rein sportliche Aneinanderreihung von Stereotypen und Superlativen, keine Zur-Schau-Stellung von überirdischen Helden der Lüfte.

Klar, die Aufnahmen sind faszinierend. Man ist nah dran an Schanze und Springer, bekommt Luftfahrten mit modernster Technik serviert, Drohne und Helmkamera sorgen für ein spezielles Fluggefühl im weiten Kinosaal. Doch wie will man noch eins draufsetzen, ein „räumliches Erlebnis des Skifliegens“ ermöglichen, wie es in der Bewerbung des Films hieß, wenn die Sportart ohnehin schon im herkömmlichen TV stetig filmtechnisch auf dem neusten Stand ausgeleuchtet wird - aus allen Perspektiven und mit allen Spielereien. Beim gemeinen Zuschauer setzt da schon mal eine gewisse technische Übermüdung ein.

3D hätte es eigentlich gar nicht gebraucht, auch nicht zum „mitfliegen“. Denn man fliegt weniger mit den Stars durch die Lüfte, als man zu ihnen hinter die Kulissen geführt wird. Den „Guide“ dorthin spielt dabei ORF-Journalist Hanno Settele. Er begleitet vor allem die norwegische Mannschaft rund um Daniel Andre-Tande, Robert Johansson sowie deren österreichischen Trainer Alexander Stöckl, trifft sich mit ihnen neben und abseits der Schanzen - beim Training, in einem Lokal, zu später Stunde beim Kartenspielen.

Settele ist eine Idealbesetzung, weil „metierfremd“. Er gibt den staunenden Skiflug-Laien mit (Selbst-)Ironie, der versucht, aus den Athleten herauszukitzeln, was sie antreibt - auf und abseits der Schanzen. Was sie empfinden, am Balken „da oben“. Angst? Respekt? Wie es ist in der Anlaufspur, Sekunden vor dem Absprung. Und erst beim Flug, der sogar an die 250 Meter weit gehen kann.

Kein leichtes Unterfangen, in einer Sportwelt, in der ohnehin bereits in Dauerschleife analysiert, beleuchtet wird. Alles schon einmal gesagt wurde - und auch gefragt. Und so landet Settele auch schon mal beim unvermeidlichen „Was geht da durch ihre Köpfe?“ Die Antworten bilden zwar großteils keinen besonderen Neuigkeitswert, aber sind trotzdem mitunter schlagfertig und originell. „Wer mit Angst dort oben sitzt, fährt einfach nicht los, weil er weiß, was passieren könnte“, meint etwa der Deutsche Andreas Wellinger. „Ein bissl verrückt muss man schon sein, mit 110 km/h ins Nichts zu springen“, gibt wiederum ÖSV-Adler Stefan Kraft zur Protokoll.

Von Skiflug-Weltmeister Tande erfährt man, dass er eigentlich unter Höhenangst leidet und deshalb nur auf die Anlaufspur schaut. Eindrücklich schildert er zudem den Moment des Absprungs. Wie in einem Raumschiff fühle man sich, das in das Weltall abhebt. Und sein Trainer Stöckl berichtet von durchgeführten Messungen mit „Adrenalinwerten im Todesbereich“ bei Athleten, die extrem weite Sprünge machen.

Auch die Schattenseiten des Spitzensports finden Niederschlag. Die Stürze des Thomas Diethart etwa, der mit seinem früheren Trainer Alexander Pointer, mitverantwortlich für das Drehkonzept der Doku, am Bergisel über die Faszination, die manchmal auch Leiden schafft, reflektiert.

Dem Film, der vor allem rund um das Skifliegen am Kulm und die letztjährige Weltmeisterschaft in Oberstdorf gedreht wurde, gelingt auch ein stimmiges Porträt der heutigen Skisprungwelt. Eine durchorganisierte, auf absolute Leistung getrimmte, hochprofessionelle Welt. Mit Protagonisten, die sich ebenso hochprofessionell darstellen, ja darstellen müssen. In Zeiten von Social Media und Eventüberfluss noch dazu. Eine Welt mit zunehmender Uniformität und weniger Unverwechselbarkeit. Sie hat nicht mehr viel gemein mit der früheren Skisprungwelt, mit schillernden Medienstars, Volkshelden und auch mal öffentlich strauchelnden Instinkttypen vom Schlage eines Andi Goldberger.

Das Familiäre, Kameradschaftliche und Menschliche im Skisprungsport ist geblieben. Fairness wird großgeschrieben und im Film gezeigt. Und Berührendes. Wie die Aufnahmen der Mutter von Daniel Andre-Tande vor dem Fernseher im heimatlichen Norwegen, Momente nachdem ihr Sohn Gold bei der WM in Oberstdorf gewann. Die stolzen Tränen einer Mutter.

(S E R V I C E - www.thebigjumpmovie.com)


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